Sanfte Strukturen... ENTREE 2004

Die Baukunst der Glücklichen!
Marcel Kalberer und Dorothea Kalb-Brenek

Sie ist kaum zu finden und man fährt schon etwas über Land bis man die fünf Familiengemeinde Heggelbach bei Überlingen erreicht. Aber so unbekannt ist der Weiler auch wieder nicht. Die Hofgemeinschaft macht einen ausgezeichneten Demeterkäse und seit Jahren findet das legendäre Phinxt-Festival mit dem nicht ganz ungefährlichen Saukisten-Rennen statt. Bauer Johan Geng hat vor über 20 Jahren den beiden fremden Künstlern Marcel und Dorothea ohne Vorbehalt eine Wiese zur Verfügung gestellt. Aus anfänglichem Kopfschütteln über die Verrücktheiten der Beiden ist eine innige Freundschaft entstanden. Ihr Atelier SANFTE STRUKTUREN mit Wohnung befindet sich etwas versteckt von der Straße zurückversetzt. Die Begrüßung ist einladend, denn überall im Garten stehen die lustigen Mosaiktiere und -Fabelwesen von Dorothea.

Auerworldpalast
[Bild anklicken = größere Darstellung]

Marcel Kalberer
ist studierter Architekt und Schweizer Staatsbürger.1967 zog es ihn an die Hochschule für Gestaltung nach Ulm. Leider wurde ein Jahr später von reaktionären Kräften geschlossen, was Marcel noch heute wütend macht, wenn er daran denkt. „Es ist einfach unfassbar, es wurde eine freie Schule dicht gemacht die lehrte, Gestaltung in einem politischen und gesellschaftlichen Zusammenhang zu sehen. Sie basierte auf den Grundlagen vom Bauhaus und einem antifaschistischen Vermächtnis, als Stiftung der Geschwister Scholl,“ erklärte Marcel Kalberer. Nach der Schließung studierte er weiter an der Uni in Stuttgart. Dort hat er gleich den Betrieb an Deutschen Universitäten richtig kennen gelernt. Angepasste Studenten und autokratische Professoren. Ganz anderes sein einjähriger Auslandsaufenthalt am Pratt-Institute in New York. Die Professoren drücken den Studenten keine Programme auf, sondern es wurden Beratungskreise gebildet. Man wurde gefragt was man gedenkt zu tun, und dies sollte man dann auch gefälligst tun. Natürlich wurde man unterstützt in seinen Projekten, aber den Studenten wurde nicht diktiert. Im Gegenteil es wurde gefördert, was in jedem einzelnen steckt. Marcel entschied sich für eine Arbeit mit den Kindern aus den New Yorker Slums. Er wollte mit ihnen etwas bauen. „Wonderful, do it“, war die Bemerkung seines Profs.
Konstruktiv zu arbeiten war schon immer sein Ansatz. Er strebte das Konstruktive auf der Grundlage des künstlerischen Anspruchs an, experimentierte und spielte mit den unterschiedlichsten Materialen nach dem Leitsatz:“ Das Material spielt keine Rolle, wenn man klare Vorstellungen und Konstruktionsprinzipien hat, kann man aus allem etwas machen“. Er experimentierte mit einer Gruppe von Gleichgesinnten während der Studienzeit mit Eis, Lehm, Schliff, Plastikfolie, Papier und Kunstoffen. Außer Künstler und Architekturstudenten hatten wir Musiker und Sozialengagierte in unserer Gruppe. Öffentliche Happenings wurden durchgeführt ohne jegliche Absicht irgendeinen wirtschaftlichen Nutzen zu erzielen. Spaß an der Freude und künstlerischer Ehrgeiz standen im Vordergrund.

Climbing to heaven
[Bild anklicken = größere Darstellung]

„Climbing to heaven“. Durch das Bündeln der Weiden entstanden immer größere architektonische Räume. Mittlerweise sind Dimensionen erreicht, die niemand für möglich gehalten hätte. Die Kuppel, die in Lörrach gepflanzt wurde, misst 15 Meter Durchmesser. Die Bögen zählen bis zu 12 Meter Spannweite. Dies ist aber erst der Anfang! (Bild: Philippe Rohner)

Ein Biotekt, quasi ein Gegenarchitekt aus dem Schwarzwald, hat entdeckt, dass die geschnittenen Weiden wieder ausschlagen. Marcel Kalberer hat es probiert. Durch das Bündeln der Weiden entstanden immer größere architektonische Räume. Mittlerweile sind Dimensionen erreicht, die niemand für möglich gehalten hätte. Die Kuppel, die in Lörrach gepflanzt wurde, misst 15 Meter Durchmesser. Die Bögen zählen bis zu 12 Meter Spannweite. Dies ist aber erst der Anfang! Die konstruktiven Möglichkeiten sind bei weitem noch nicht erschlossen. Im Ausland wird diese Naturbauweise immer ernster genommen. Viele Weidenbauten werden in ausländischen Architekturfachzeitschriften veröffentlicht, nicht per Zufall in keiner deutschen. Interessant, dass dies gerade momentan in einem Umfeld geschieht, in dem die deutsche Architektur dahin dümpelt. „Wenn man die Architektur mit Fußball vergleicht gibt es eine Championliga ohne Deutsche Teilnehmer“, erläutet Marcel emotional mit viel Gestik.

Auerworldpalast
[Bild anklicken = größere Darstellung]

300 Freiwillige aus ganz Europa wirkten am Bau des Auerworldpalastes in Auerstedt mit. Für Auerstedt ist die Wiese zwischen Sportplatz und Emsenbach das, was für Bilbao das Guggenheim-Museum und für Berlin der Potsdamer Platz ist: Brennpunkt der neuen Weltarchitektur. Im Falle Auerstedts sogar Sinnbild des bislang kaum bekannten Genres „Kunst im öffentlichen Baum“. (Bild: Marcel Kalberer)

„Fakt ist, dass die Österreicher, Schweizer und Holländer uns den Rang ablaufen. Beim Fußball würde man sofort den Trainer wechseln einschließlich Ausbildungsprogramm“. Marcel gibt weiterhin zu bedenken, dass man in der zeitgenössischen Architektur in Berlin bei den wichtigsten Bauten nur auf Namen von ausländischen Kollegen stößt. Außerdem machen die Deutschen keinen Stich mehr bei internationalen Wettbewerben. Das kann wie beim Fußball, wenn keine Zuschauer mehr vorhanden sind, wirtschaftlich schädlich für die Branche werden. Architektur ist eine harte Durchsetzungsgeschichte. Egal ob im Weiden- oder Stahlbau. Doch was ist der Grund für die mittelmäßige Gegenwartsarchitektur in Deutschland? Die Architekturausbildung sei eine Beamtenausbildung, die keine Spinner und experimentelle Leute fördert. Alle schrägen Vögel, die nachher die Qualität ausmachen können werden plattrasiert. Die besten Architekten haben gar nicht Architektur studiert, sie haben Zifferblattzeichner gelernt wie z.B Le Corbusier. Er ging mit 20 Jahren nach Hamburg und arbeitete dort bei Behrends, dann nach Paris. In unseren Nachbarländern Österreich und Schweiz finden folgende Kollegen Marcel´s Anerkennung: Peichl, Hollein, Ortner, Haus Rucker, Coop Himmelblau und die neuen Vorarlberger wie: Dietrich/Untertrifaller und Marte/Marte. In der Schweiz: Herzog und Demeuron, Zumthor, Calatraves.

Schule der Zukunft
[Bild anklicken = größere Darstellung]

Schule der Zukunft – Projekt in Berlin.Weidenbauprojekte fördern wie kaum andere Projekte bei den Beteiligten das Wir-Gefühl, Kontakte zu und mit Minderheiten, internationale Begegnungen, Selbstständigkeit und Planungsfähigkeit. (Bild: Marcel Kalberer)

Marcel Kalberer weiß, dass er nach wie vor als Spinner in Deutschland belächelt wird, aber das ist ihm recht. Dadurch ist er außer Konkurrenz. Die jungen Architekten wagen sich kaum in Randgebiete vor und die braven und angepassten findet man als Professoren an den Hochschulen wieder.
Marcel hat schon viele Auszeichnungen erhalten. Die letzte 2002 „Prix Européen d´Architecture Fondation Philippe Rotthier“ als deutscher Vertreter. Sein Atelier für experimentelle Architektur „Sanfte Strukturen“ wurde 1981 in Heggelbach bei Überlingen am Bodensee gegründet. Mehrere Bücher wurden über seine Arbeiten publiziert und ein Film von Karl Heinz Heilig „Zwischen Himmel und Erde - die Baukunst der Glücklichen“.

Bücher:
Das Weidenbaubuch
Die Kunst lebende Bauwerke
zu gestalten
At-Verlag, 1999
Isbn 3-85502-649-1

Grüne Kathedralen
Die Weltweite Wirkung
wachsender Weiden
AT-Verlag, 2003
Isbn 3-85502-890-7

www.sanftestrukturen.de

Dorothea und Marcel
[Bild anklicken = größere Darstellung]

Dorothea und Marcel sind seit 28 Jahren verheiratet. Sie ergänzen sich wunderbar im Gestalterischen. Hier im Wintergarten ihres Hauses in Heggelbach.

DOROTHEA KALB-BRENEK
Schon während ihrer Studienzeit an der Staatl. Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart (1973 bis 1978) faszinierte Dorothea Kalb-Brenek mehr und mehr das räumliche Gestalten. Schon von Ulm her kannte sie ihren späteren Ehemann, Marcel Kalberer, der an der Uni Architektur studierte. (Seit 28 Jahren verheiratet) Es war eine produktive und kreative Zeit. Man experimentierte viel mit neuen Materialien. Zusammen mit Künstlern und Studenten aus dem künstlerischen und architektonischen Bereich wurden spielerisch neue Gebiete und künstlerische Arbeitsfelder erforscht. So entstanden bereits sehr früh, Ende der 70er Jahre, die Projekte „Fliegende Teppiche“ und „Eispaläste“.
Zur ihrer Mosaikkunst kam Dorothea durch einen Aufenthalt in Barcelona, lange bevor die Mosaikkunst ihre Renaissance erfahren hat. Mit Freunden machte sie Rast auf einer Bank in dem herrlich gelegenen Park Güell von Antonio Gaudi. Das Hören eines Geräusches ließ sie nicht mehr los. Es war der leichtklingende Hammerschlag eines Handwerkers, der die Mosaiken ausbesserte. Von dort an war Dorothea Kalb-Brenek von Mosaike legen „angefressen“. Es dauerte nicht lange und ihr wurde durch einen gewonnenen Künstlerwettbewerb die Möglichkeit gegeben, eine riesige Platzgestaltung in Stuttgart-Neugereut mit Mosaikkunst zu realisieren.

Projekt 2003
[Bild anklicken = größere Darstellung]

Grundschule am Härle in Pfullendorf. Zwei Tiere, die den Eingang säumen, „Funkelstein“ und „Rubinchen“, realisiert wurde das Projekt mit Schülern und Lehrerin im Sommer 2003.

Das große Projekt Spirillo dauerte ein Jahr. Das gesamte Jahr über hat die Künstlerin Dorothea auf der Baustelle gearbeitet und gelebt. In dieser Zeit hat sie viel über das Handwerk gelernt. Durch ständiges Ausprobieren und Experimentieren kommt man ans Ziel. Jetzt beherrscht sie die Technik perfekt und hat ein Medium gefunden, um große Mosaikskulpturen herstellen zu können. Die Technik erlaubt ihr Einzelteile zusammenzusetzen. Die Plastiken sind nicht mehr massiv und können problemlos in Einzelteilen aus dem Atelier heraustransportiert werden. Vor Ort wird das Kunstwerk zusammengebaut. Die Technik Ferrozement wird u.a. im Schiffbau angewendet.
Dorothea verwendet Baustahl, der nach der gewünschten Form gebogen wird. Dieser wird dann einbetoniert. So entstehen wie Schalen die einzelnen Formen für das Mosaikkunstwerk.


Nandi die heilige Kuh
[Bild anklicken = größere Darstellung]

Nilpferd Hypo
[Bild anklicken = größere Darstellung]

Tiere und Fabelwesen sind der Künstlerin Lieblingsmotive. Es steckt einfach in ihr drin. Sie kann nicht anders, die Tiere müssen einfach raus, so Dorothea. Die Kombinationen ihrer Figuren mit Wasser und Pflanzen bilden in der Natur ein Gesamtkunstwerk und bieten den Vögeln und Insekten eine Wassertränke. Der Rosenhofpark im Schlössli Ins in der Schweiz ist ein schönes Beispiel dafür.
Mittlerweile hat Dorothea Kalb-Brenek viele Aufträge von Gemeinden und die Nachfragen seitens der Schulen und Kindergärten nehmen zu. Auch die privaten Bürger ergreifen die Initiative und holen die Künstlerin, um mit ihr gemeinsam ihren Stadtteil zu verschönern. Jeder arbeitet aktiv künstlerisch an seinem unmittelbaren Umfeld mit und so entsteht ein Gefühl der Gemeinschaft. Die neuesten Projekte dieser Art entstanden in Rosenheim und Pfullendorf. Seit über 20 Jahren verwirklichte Dorothea viele Kunstwerke, Brunnen im öffentlichen Raum und führte mit Freiwilligen verschiedene Mosaik-Mitmachaktionen durch. Seit 1992 Installationen und Aufführungen von Performances mit der Künstlergruppe „TOUR DE COULÖR“!

Projekt Rosenheim 2002
[Bild anklicken = größere Darstellung]

Auch die privaten Bürger ergreifen die Initiative und holen die Künstlerin, um mit ihr gemeinsam ihren Stadtteil oder Siedlung zu verschönern.

Sie ergänzt sich wunderbar mit ihrem Mann im Gestalterischen. Besonders bei Fragen zur Ästhetik stimmen die Beiden überein und harmonieren. Sie haben unzählige Arbeiten zusammen realisiert, aber im Moment möchte Dorothea etwas mehr ihren eigenen künstlerischen Weg gehen, was nicht heißen soll, dass die beiden nicht mehr zusammenarbeiten.

Buchveröffentlichung:
Mosaik
Ideen Kunst und Technik
AT Verlag Aarau
ISBN 3-85502-675-0

Beate Nash



[Zurück zur Übersicht]