Nomadenzelt mit Himmelblick
Wohnen im Textilhaus auf der Höri ENTREE 2005




Das erste textile Wohnhaus Europas steht in der Gemeinde Bankholzen am Untersee. Das Dach ist wie ein Zelt über das Haus gespannt und auch die gesamte Fassade ist aus Teflon beschichtetem Glasfasergewebe.



Architekt Hartmut Ayrle hat damit erstmals die Technologie der industriellen Leichtbau-Architektur in ein Wohngebäude eingebracht. Die Erfahrung dafür bringt er aus zahlreichen textilen Bauwerken mit, die bereits am Bodensee und vielen anderen Orten für Aufsehen und Beachtung gesorgt haben.


Die Empore mit dem Arbeitsplatz am Fenster dient als Verteiler
für die Räume im 1. OG.


“Wenn Architekten für sich selbst ein Haus bauen, dann wollen sie eine Geschichte erzählen”, beschreibt Hartmut Ayrle (44) zum Entstehungsprozess seines Hauses auf der Höri, nahe der Stadt Radolfzell. Und die erzählt er in seinem Fall so: Als vor langer Zeit Nomaden durchs Land zogen, stießen sie mitten in einer reizvollen Landschaft auf eine Ruine. Auf diesen schweren Mauern bauten sie ihre Zelte auf und ließen sich nieder. Diese romantische Fantasie hat sich die Familie Ayrle ausgedacht und mit zahlreichen individuellen Details in die Realität umgesetzt.

Wer aus der Gemeinde Weiler kommend nach Bankholzen fährt, der erkennt schon von weitem das besondere Haus am Ortsrand. Weißes Dach, weiße Fassade, das fällt schon auf in einem typischen Höridorf mit Kirchturm im Hintergrund und Ziegeldächern im gewohnten Rotbraun. So verwundert es auch nicht, dass der Begriff “Zirkuszelt” schon die Runde unter den Dorfbewohnern gemacht hat.


Über die “Himmelsleiter” erreicht man die Räume unterm Textildach.


Der Blick in eines der Kinderzimmer. Die Dachschräge ist mit Baumwollstoff bespannt.


Der Panoramablick ins Badezimmer, das “Holzschächtele”: links der Bereich für die Frauen, rechts für die Männer, unterteilt durch die Duschen mit Mattglasscheiben.

Zeltdächer gehören für Prof. Dr. Ing. Hartmut Ayrle zum täglich Broterwerb. Das Konzertsegel im Bad Saulgauer Kurpark entstammt ebenso seiner Kreativität wie das Eingangsdach und das Restaurantdach auf der Insel Mainau. Beide Projekte hat er mit seinem Partner Jörg Tritthardt und dem gemeinsamen Büro für Leichtbau in Radolfzell realisiert. Neben seiner Arbeit in der Radolfzeller Firma unterrichtet Ayrle als Professor für Tragwerkslehre, Entwerfen und Bauphysik im Fachbereich Architektur an der Hochschule Bremen.

Großes Abenteuer

Bei seinem Wohnhaus galt es als neue Herausforderung den Aspekt der Wärmedämmung zu berücksichtigen. “Das große Abenteuer war jedoch die textile Fassade. Da gibt es bisher nur ganz wenige Beispielbauten in Fernost”, erläutert der promovierte Architekt die Besonderheit. Vom Bauprinzip her ist es eine hinterlüftete Fassade, nur dass als äußerste Schicht nicht Holz oder ein anderes gewohntes Material zum Einsatz kommt, sondern mit Teflon beschichtetes Glasfasergewebe. Dieses Gewebe ist stabil gegen UV-Strahlen und dadurch verwitterungsbeständig, die beidseitige Beschichtung macht es zudem wasserfest und schmutzabweisend. Den ausgeklügelten Federmechanismus zum Schutz der Fassade vor Beschädigungen durch Wind entwickelte Hartmut Ayrles vater, ein Maschinenbauingenieur. Die Haltbarkeit schätzt Ayrle aufgrund von Erfahrungen aus anderen Projekten auf mindestens 30 Jahre. Es gebe sicherlich preiswertere Möglichkeiten, sein Haus gegen Witter-ungseinflüsse zu schützen, macht Ayrle den höheren Aufwand für die textile, doppelt gefaltete Hülle deutlich. Für die Fassade wurden immerhin 500 Quadratmeter Glasfasergewebe benötigt. Das Dach beanspruchte noch einmal 280 Quadratmeter Stoff. Die Dachverspannung erfolgt über aus den Hauswänden herausgezogene Stützen. Diese werden über acht fingerdicke Edelstahl-seile mit dem Erdboden verbunden. So hält das Dach seine Form und ist ganz sicher stabil bis zu Windgeschwindigkeiten von 160 km/h. Zum Süden hin bildet das Zelt ein drei Meter überstehendes Vordach, ähnlich dem einer Feldscheune.


Das Elternschlafzimmer unterm Dach mit reizvollem Blick auf die Felder der Höri.


Das Haus im kleinen Maßstab dient auch als Dekoration für die Wetterstation


Die offene Küche bietet über die Insellösung mit Spüle,
Gasherd und Arbeitsplatte viel Raum


Materialkontraste

Als die sechsköpfige Familie sich erste Gedanken zur räumlichen Expansion in ein neues Zuhause machte, stand ganz zu Beginn die Idee einer zu Wohnzwecken umgebauten Scheune. Mangels eines geeigneten Objektes machte sich Hartmut Ayrle daran, diesen großzügigen Raumeindruck in einem Neubau zu schaffen. Ganz deutlich wird dieser Aspekt im Eingangsbereich des Hauses. Der erste Blick in dieser offen gestalteten Halle führt über die Treppe aus rohem Eisen in die Höhe zur Empore. Glaselemente in der Decke erlauben den Blick sogar durch die Zimmer bis unters Dach. Die verwendeten Baumaterialien sind bewusst sichtbar geblieben: roher Beton prägt Decken und Wände im Fundament und Erdgeschoss, die Betondecken zeigen das Abbild der groben Schalungsbretter. Darauf gesetzt ist eine Holzkonstruktion für Ober- und Dachgeschoss. “Die Oberflächen der Materialien sollen ihre Entstehung erzählen und sich nicht anonym hinter Putz verstecken”, macht der Architekt seine Philosophie deutlich. Einen wohltuenden Kontrast zu den harten Materialien Beton, Stahl und Glas schafft der Fußboden im Erdgeschoss aus geölten Eichendielen. Für angenehme Wärme im Eingangsbereich sorgt die in zwei Betonwände eingearbeitete Wandheizung.

Offene Feuerstelle

Das Erdgeschoss teilen sich die Funktionen Kochen und Essen in einem großen Raum sowie der Bereich Wohnen. Einer Feuerstelle von Nomaden gleicht der offene Kamin aus schwarzem Stahlblech mit drehbarer Feuerkammer. Die überdachte Loggia am nordöstlichen Eck des Hauses sei dem Wunsch der Kinder entsprungen, die ihr Frühstück gerne in der Morgensonne mit Seesicht zu sich nehmen wollten.

Über alle Etagen des Hauses hinweg hat Ayrle bei der Planung ein Raster mit gleichmäßigen Grundrissfeldern gelegt. Diese Grundlage habe den Handwerkern beim Ausbau die Arbeit erleichtert. Diesem Raster passen sich auch die fünf Räume im ersten OG an, private Kammern für die Kinder, die bei der Innengestaltung auch selbst mit Hand angelegt haben. Die Wände dieser persönlichen Rück-zugsräume sind aus OSB-Holzplatten, OSB steht für Oriented Strand Boards. Diese aus grobfasrigem Holz verleimten Platten sind nur farbig gestrichen und so wurde ihre Oberflächenstruktur erhalten. Zwischen den einzelnen Platten sind Leisten zum Einhängen von Regalträgern eingearbeitet, die eine unkomplizierte Möblierung ermöglichen. Ein aus den 60er Jahren vertrautes System. Als Bodenbelag für das OG wurde einheitlich Kork ausgewählt. Die Dachschrägen sind nicht etwa aus Holz oder Gipskartonplatten, sondern aus Baumwollgewebe, was den Zeltcharakter des Daches in den Innenbereich überträgt. Die spezielle Holzbaukonstruktion wurde von der Firma Romer ausgeführt.


Maria und Hartmut Ayrle vor ihrem Haus mit dem roten “Scheunentor”.

Himmelsleiter

Liebevoll “Holzschächtele” nennen die Ayrles ihr Badezimmer. Sechs Personen am Morgen, nur ein Raum und dieser doch irgendwie unterteilt, das verlangte nach einer ganz besonderen Lösung. Als Raumteiler wurden in die Mitte zwei Duschkabinen mit Milchglasscheiben eingebaut: links für die beiden Frauen mit rundem Waschplatz, rechts für die Männer des Hauses mit eckigem. Multiplex-Holzplatten, lackiert wegen der Feuchtigkeit, machen den Eindruck des Schächteles perfekt. Wer in einen der drei Räume des Dachgeschosses hinauf möchte, der muss über die steile “Himmelsleiter”.

Direkt unter dem Giebel hat der Architekt für seine Familie drei Zimmer mit ganz besonderer Atmosphäre geschaffen. Das elterliche Schlafzimmer unterm Zeltdach hat den schönsten Ausblick auf die Felder der Höri und lässt die Morgensonne genießen. Zur Ausleitung der Kamine musste das Textildach an einer Stelle durch ein stabiles Dachelement unterbrochen werden. Dieser Teil wurde mit einem Glasdach gestaltet, das besonders nachts mit Blick zu den Sternen faszinierende Ausblicke erlaubt. So wie sie eben nur Nomaden in freier Natur erleben können.

www.tapweb.de
www.textile-solutions.biz

Text/Fotos: Peter Allgaier



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