Fischingers “Transmoderne”
Raumgestaltung ohne Kanten und Ecken



Markus Fischinger, freischaffender Künstler und plastischer Gestalter aus Ravensburg, ist schon ein sehr spezieller Mensch - schwer einzuordnen, schwer zu erfassen.

2002 hat er mit der Gestaltung des Friseursalon Schreiber großes Aufsehen erregt und wurde für beispielhaftes Bauen im Landkreis ausgezeichnet. Seine Raumgestaltung, unkonventionell, weich in der Formgebung und warm in den Farbtönen, ist trotz alledem immer noch praxisorientiert. Seine Entwürfe erinnern den Betrachter primär an die philosophische Raumgestaltung der Anthroposophen, ohne Kanten, ohne Ecken. Doch auf dieses Schema möchte sich Markus Fischinger nicht reduzieren lassen.

Sicherlich, so gesteht er zu, ist er ein Stück weit von dieser Bauweise geprägt, lehnt jedoch den Dogmatismus in seinem Schaffen ab. Die Regel interessiert ihn dabei nicht, sondern die Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten, die Sensibilität im Umgang mit den Bedingungen. “Transmoderne Architektur”, so nennt er sein Konzept, das die Eigenheiten eines bestehenden Altbaus mit sozialen und qualitativen Ansprüchen an das Wohnen und Leben im 21. Jahrhundert verbindet.

Sein Atelier ist gleichzeitig seine Wohnung, sein Spielfeld, sein “Showroom”, sein Zuhause. In mehreren Bauabschnitten hat er den zweistöckigen Dachstuhl zuerst bis auf die Balken und Böden “ausgebeint”, um die riesigen Räume danach frei gestalten zu können. Gegebenheiten wie das Gebälk und die Fenster mussten in die neue Raumgestalt integriert werden. Das Gebälk, eigentlich ein gestalterischer Störfaktor , hat er geradezu organisch in das Gesamtarrangement integriert. In weichen Bögen treten die Balken in Räume aus Ecken hervor um genau so harmonisch an anderer Stelle wieder zu “verschwinden”. Sie scheinen dabei keiner Symmetrie zu gehorchen.. Ihr “Erscheinen” wirkt zufällig. Manchmal sehr unscheinbar, dann wiederum mächtig und dominant. Niemals jedoch wirken sie störend.

Vom Eingang im Treppenhaus tritt man in einen großen Salon, der an die Empfangshalle eines maurischen Palastes erinnert. Auffallend sind die glatt polierten gestreiften Wände. Sie sind grau, aber nicht monochrom. Sie verlaufen, nahezu ohne Kanten zu bilden großzügige Bögen. Schmeicheln sich förmlich durch den Raum, ohne ihn zu zerschneiden. Die plastisch aufgebrachten konischen Streifen verstärken den optischen Eindruck der Rundungen noch. Das Zusammenspiel der Graunuancen mit den applizierten Streifen verändert sich, je nach Beleuchtung, durch das Spiel der Schatten. Die Wände erlangen dadurch eine Plastizität. Die entstehende Tiefe von Licht und Schatten ist ein wichtiger Bestandteil des Gesamtkonzeptes.

Friseursaon Schreiber

Markus Fischinger möchte mit seinen plastischen Konstruktionen, weg von der Zweidimensionalität, hin zur räumlichen Dreidimensionalität des Raumes. Und so schafft er Tiefe indem er Nischen und Vorsprünge herstellt, oder vorhandene räumliche Körper integriert. So ist auch die Decke im Raum nicht plan, sondern gewölbt. Die tragenden Deckenbalken bestimmen gewissermaßen die Form. In ihrem Kreuzungspunkt hat Fischinger, den Verlauf der Balken fortführend, eine Lampe modelliert, die etwas an ein Ufo oder Raumschiff erinnert. Sie “wächst”, fast organisch, aus der Decke, wie wenn sich an dieser Stelle noch nie etwas anderes befunden hätte. Die Position, ungewöhnlich dezentral, wurde durch das Gebälk vorgegeben, ebenso, wie der entstandene Ruhebereich selbst.

Zur klaren Trennung von Gängen und Ruhezone im eigentlich offenen Raum, wurde das Eichenparkett in den Gängen geradlinig, im Ruhebereich in Diagonalstruktur verlegt. Dadurch wird der Raum, ohne die Großzügigkeit der Einheit zu zerstören, in Bereiche unterteilt. Die Sitzecke mit schlichten schwarzen Corbussier-Möbeln gewinnt dadurch den Charakter von ruhiger Abgeschlossenheit.

Markus Fischinger nutzt den Raum nicht ausschließlich privat. Er dient auch als Ausstellungsplattform und gelegentlich als halböffentlicher Kulturraum für die Veranstaltungsreihe “Hausbesuche”. Er greift dabei Elemente der Salonkultur des 19. Jahrhunderts auf. Der Zuschnitt und die Gestaltung der Wohnung ermöglichen aber vor allem das familiäre Zusammenleben der Bewohner. Deren private Räume gruppieren sich um diesen Salon. Die lichten Zimmertüren aus Glas stellen zwischen den Räumen eine Art Korrespondenz her. Die Räume wirken nicht wie abgeschlossene Einheiten, sondern bilden eine “Gemeinschaft”. Jedes der angrenzenden Zimmer hat seinen ihm eigenen Charakter, der für die Menschen, die ihn bewohnen maßgeschneidert ist. Zimmer mit Individualität, keine austauschbaren Standard-schachteln. Die Farbgebung der Räume, mal in sanften Pastelltönen, mal in lebendigen Rottönen, erfolgte in Absprache mit den Zimmerbewohnern. Da in den abgerundeten Räumen klassische Schränke nicht denkbar wären, hat Markus Fischinger Schränke und Fächer entworfen und als Einbaumöbel in die Raumstruktur integriert. Doch selbst bei den Möbelelementen versucht er durch Doppelwandigkeit und Farbkontraste deren Dreidimensionalität hervorzuheben.

Insbesondere der Aufenthalt im großen Eingangsraum bietet das Gefühl von “lichter Erhabenheit”. Aber auch in den einzelnen Räumen ist davon noch etwas zu spüren. Das Licht kann wechselseitig in die Räume dringen und erhellt den zentralen Raum, je nach Lichteinfall. Trotzdem die originalen Fenstergrößen nicht verändert wurden wirken die Räume lichtdurchflutet. Das Licht findet große und helle Reflektionsflächen und wenig “Barrieren”, die verdunkeln.

Auch im Bad hat Fischinger seine gestalterischen Prinzipien verwirklicht. Das um das Dachfenster verlaufende Gebälk verschwindet hinter einer ovalen Fensterlaibung, die auch hier den Lichteinfall weiter lenkt. Die Farbgestaltung unterstreicht, die durch den Umbau entstandene Raumstruktur. Vorspringende und zurückliegende Flächen wurden in sattem Himbeerrot gestrichen, das zu den grauen Steinzeugfliesen und den, elfenbeinfarbenen Wänden einen pointierten Kontrast bildet. Andere Akzente und unkonventionelle Anordnungen verbinden in verblüffender Weise Funktion und Gestaltung So stellt er frech eine Einbau-Badewanne unverkleidet auf einen Sockel, und verleiht ihr dadurch eine ganz besonders grazile Ästhetik. Eine kleine Nische im Gäste - WC, die durch die Wölbung der Wände entstand, wird durch ein akribisch eingepasstes Mosaik-Waschbecken zu einem Schmuck-stück. Der schlichte “Standard-Ideal”-Wasserhahn, der aus der Wand ragt zeigt wieder Fischingers klare Handschrift von minimiertem Materialismus, gekoppelt mit einem
hohem ästhetischen Gespür.

Atelier Markus Fischinger
Tel: 07 51/3 21 97

Text: Peter Arweiler
Fotos: Claudia Casagranda / Beate Nash



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