Süden ist auf der falschen Seite

Wohnen, Arbeiten und Kunstgalerie am Untersee


Gutes Bauen gegen Lärm in sensibler Landschaft hat Architekt Joachim Marx in der schweizerischen Gemeinde Mammern realisiert. Der schlichte Stil mit den lang gezogenen kubischen Baukörpern war im Dorf anfangs nicht unumstritten.

Heute spricht man im Scherz von der “Kläranlage”, in der Marx mit seiner Familie lebt, sein Büro eingerichtet hat und seit vier Jahren in einer Kunstgalerie viel beachtete Ausstellungen der Gegenwartskunst organisiert.

Vom Hof aus kann man durch den Wohnraum hindurch den Blick auf den Garten bis zum gegenüberliegenden Ufer des Bodensee schweifen lassen.

Durch die raumhohen Verglasungen dringt das Licht voll in den Raum ein, die Glastüren können verschoben werden und ermöglichen somit den Eingang zum Innenhof.

Eine stark befahrene Durchgangsstraße auf der Südseite, das Ufer des Untersees im Norden und dazwischen ein Grundstück mit in Richtung Wasser abfallender Hanglage, diese Bedingungen sind nicht gerade ideal für einen Bauherren. Vier Jahre lang ist das Seegrundstück mit seinen 3500 Quadratmeter zum Verkauf angeboten worden, bis Joachim Marx schließlich zum Zug kam. Eine architektonische Standardlösung sei hier nicht machbar gewesen, erläutert er zum Konzept seines Hauses mit den außergewöhnlichen Maßen.

In dieser exponierten Zone war nach den Bebauungsvorgaben eine maximale Gebäudelänge von 20 Meter zulässig. Mit seinem Entwurf und einem Lärmschutzgutachten in der Tasche, konnte der Bauherr das kantonale Raumplanungsamt von seiner Lärm- Architektur überzeugen. So entstand in einjähriger Bauzeit das in zwei 36 Meter lange und sieben Meter breite Volumen gegliederte Haus am See. Der südliche, zur Straße hin fensterlose Riegel dient als Lärmschutz. Auf Straßenniveau sind hier das Büro und die Garage untergebracht. In den Hang gebaut ist das Untergeschoß mit Wirtschaftraum, Gästezimmer und Kunstgalerie.

Der Innenhof ist mit sandgestrahlten Betonplatten ausgelegt.

Wohnen lernen

Den Innenhof und Wohnbereich im zweiten Riegel hangabwärts in Richtung See erreicht man über eine offene Treppe. Durchgehende Glasfronten lassen viel Tageslicht in die Räume, selbst das mit Designerstücken von Philippe Stark ausgestattete Badezimmer hat Seeblick. Küche, Essbereich und Wohnzimmer sind in einem großen Raum vereint, als Raumteiler dient ein Kaminofen aus massiven, fingerdicken Stahlplatten. Auch die Kinder teilen sich einen großen Raum, in dem sie mit Stockbetten, Kicker-kasten, Klavier und Schlafzelt ihre eigenen Zonen geschaffen haben. “Hier können die Kinder Wohnen erfahren und lernen”, erläutert Joachim Marx zum später auch einmal unterteilbaren Raum. Durchgehend in den Wohnbereichen ist der Parkettboden aus geöltem amerikanischem Kirschbaum, der einen angenehmen Kontrast zum Sichtbeton und den dunkel gefassten Fenstern schafft.

Das Grundstück beschreibt der Architekt als eine Aufteilung in mehrere, parallel zum See verlaufende Schichten: das Ufer, der schmale Kiesstrand, dann der Wald mit Pappeln, Schwarzerlen und Eschen. Die Wiese und schließlich das Haus bilden die obersten Schichten. Wichtig im Zusammenhang mit dieser Aufteilung sind für Marx die vielseitigen Blickbeziehungen innerhalb des Hauses und hinaus in die Landschaft, die durch die großen Fensterfronten und zahlreichen schmalen Fensterbänder ermöglicht werden.


Über den offenen Innenhof wird der Besucher ins Haus geleitet.

Nach Mammern an den Untersee, wo dieser allmählich schmaler wird und sich wieder zum Rhein sammelt, kam die Familie Marx vor acht Jahren aus Zürich. Dort hatte Joachim Marx nach seinem Studienabschluss an der ETH in einem großen Büro gearbeitet, bevor er mit dem eigenen Büro und eigenen Ideen an die Arbeit ging. Mit seinem Haus am See manifestierte er auch gleich seine bevorzugte Stilrichtung: kubische Bauformen für exklusive Wohnhäuser. “Wenn Sie zu mir kommen und ein Schwarzwaldhaus möchten, dann schicke ich Sie zu einem netten Kollegen”, betont er seine architektonische Grundhaltung.

Wohnzimmer mit Kamin, der mit massiven Stahlplatten verkleidet ist. Die Möbel sind Designerklassiker - Sessel und Liege: Le Corbusier.

Badezimmer mit Schieferboden. Badewanne, Lavabos und Beschläge - Philippe Starck.

Ideal für Skulpturen

Die moderne Seite des Architekten spiegelt sich auch in der Kunst wider, die rund um das Haus und im kleinen Ausstellungsraum während einiger Monate im Sommer und Herbst zu sehen ist. Aus einer gemeinsam mit seinem Freund Willy Pfister entwickelten Idee wurde im Jahr 2001 die Galerie Kunst Mammern. “Die erste Ausstellung mit dem renommierten Schweizer Künstler Matias Spescha wurde gleich ein phänomenaler Erfolg”, schwärmt Marx von ihrem gelungenen Einstieg als Galeristen. Radierungen von Burkhard Held, Professor der Akademie der Künste in Berlin, und Bronzeskulpturen von Dietrich Klinge folgten in einer gemeinsamen Ausstellung im Jahr darauf. In 2004 sorgte Robert Schad mit seinen Zeichnungen und Großplastiken aus massivem Stahl für regen Betrieb in Garten und Galerie. Für das Jahr 2005 planen Marx und Pfister ihr Areal wieder Schweizer Kunstschaffenden zur Präsentation anzubieten.

Ein Platz zum Träumen am Untersee.

Eine Ausstellung im Jahr bedeute für die Hobby-Galeristen genug Arbeit für Vorbereitung und Organisation, erläutert Joachim Marx auch hier eine gewisse Exklusivität. Schließlich mache man das nicht aus finanziellen Aspekten, sondern einfach aus Spaß an der Sache. Auch Künstler sind vom Ausstellungsareal am Untersee begeistert. Zahlreiche Anfragen von Kunstschaffenden seien bereits bei ihm eingegangen. Doch eine Warteliste gebe es nicht, ausgewählt werde einzig nach einem Kriterium: “Es muss mir gefallen und es muss in die Landschaft passen.” Davon ließ sich zur letzten Ausstellung auch der Grundstücksnachbar überzeugen und öffnete sein Areal mit zwei Skulpturen für die Besucher.

An diese hat sich die Familie inzwischen gewöhnt. Samstags und sonntags ist die Galerie jeweils zwei Stunden am Nachmittag geöffnet. “Es muss eben immer aufgeräumt sein, was mit kleinen Kindern nicht immer perfekt gelingt”, räumt er gewisse Umstände während der Ausstellungsmonate ein. Danach wird es wieder ruhiger auf dem Grundstück. Und der Galerieraum verwandelt sich zurück in ein Büro, ein Gästezimmer oder einen Mehrzweckraum mit Tischtennis-platte.

Das großzügige Kinderzimmer läßt den Kids kreativen Freiraum.

Text: Peter Allgaier
Fotos: Paolo Utimpergher



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