Im Schongang von Erfolg zu Erfolg

Der Maler und Bildhauer Erik Andersen setzt auf die Kraft der Langsamkeit

Gipsmodell für Bronzeguss - Kollektion Strassacker | Höhe: ca. 150cm Jahr: 2004

Er modelliert und malt mit mittelalterlicher Wucht. Fachwelt wie Laien staunen über das Doppeltalent. Er selbst hält sich bedeckt und wartet. Der Maler und Bildhauer Erik Andersen, Jahrgang ’77, arbeitet seit rund sechs Jahren in der alten Ziegelei Rickelshausen bei Radolfzell und nährt vorerst ein unausrottbares Klischee: Leben im Alternativ-Ambiente, mit der Leidenschaft des Machenmüssens, in der Stille, Wohlstands-Konsum gleich Null, der Blick auf den Durchbruch fokussiert.

Das Atelier liegt versteckt. Eingeklemmt zwischen halbfertigen Häusern, die sich architektonisch dominieren und den hinfälligen Resten der Ziegelei, die hier mal stand. Schlaglöcher, Vergessenes aus vergangenen Leben. Ein Hund bellt. Die Normalität schläft um diese Zeit. Und es ist still. Für Andersen ein wichtiges Element. Deshalb ist er, der gebürtige Freiburger, an den See gezogen. Er liebt die Stille. Sie ist das Fundament, auf dem seine Arbeit steht. Und spätestens an diesem Punkt wird klar: Er hat sein Leben in die Kunst integriert. Da gibt es keinen Acht-Stunden-Tag. Die zündende Idee kennt keinen Feierabend. Sie kommt, sie geht, kümmert sich nicht um banale Bedürfnisse. Er hält sich bereit. Auch nachts. Wenn es noch stiller ist, wenn sich die innere Stimme noch unbändiger regt.

Dafür hat er sich seinen Lebensraum mit der Konzentration auf das Wesentliche geschaffen: im Atelier eine Küchenzeile - in die hinterste Ecke gequetscht, daneben das Bad. Über dem Atelier eine Zwischendecke, Wohnraum mit Tisch und Bett und Fläche zum Zeichnen. Stille und Leere als Element, als Zuverlässigkeit, als Innenhalt, weil sich doch außerhalb immer alles verändert. Sogar in der Idylle Rickelshausen an der Aach.

Als er vor etwa sechs Jahren kam, reckten rußgeschwärzte Ruinen ihre Zackenränder in den Himmel. Dazwischen Gras und ein freier Blick auf die Landschaft. Ein ganz eigenes Stück Welt, eine Randwelt, ein Klima, in dem Kunst gedeiht, auch, weil in so einem Umfeld bürgerliche Regeln nicht haltbar sind. Und jetzt verschwindet die Freiheit Stück für Stück. Es wird gebaggert, planiert, betoniert. Bürgerlichkeit und Kommerz verdrängen die wilden Blumen und Büsche. Seine Insel schwankt.

Bei Erik Andersen brennt noch Licht. Neonlicht. Ein Licht der Kälte, das Konturen verschärft. Der Raum ist an die fünf Meter hoch, die Wände sind weiß. Leere, die Bände spricht. Leere als Scharnier zwischen Kunst und Betrachter. Platz für Gedanken, für Dialog, für Wahrnehmung und Wirkung. Zwei Engel, der eine zylinderhoch, fertig, aus Ton, der andere menschengroß aus Gips, halb-fertig, stellen sich dem Besucher in den Weg. Assoziationen an Rembrandts Engel, der mit Jabob ringt. Die Form, der Blick - Ausdruck einer eleganten, weltlichen Beseeltheit, Anklänge an die Genie-Epoche der deutschen Plastik mit Ersamus Grasser, Michael Pacher, Tilman Riemenschneider und den vielen anderen, die den Geist der Gotik einem neuen Lebensgefühl unterwarfen. Der Engel als Wiedergabe des Göttlich-Geistlichen im schönen Menschenbild – anmutig, überstrahlt von idealer Schönheit, die ihren plastischen Gehalt sowohl vom Faltengewand als auch vom Körper erhält. Andersen antwortet auf den fragenden Blick mit dem wissenden Lächeln des oft Gefragten: ”Ein Auftrag, ein großer...” Für die Kollektion der Bronzekunstgiesserei Strassacker, mit der er kooperiert. Eine Madonna mit Kind, ein besonders arbeitsintensives Bildwerk, geht ebenfalls an diese Adresse.

Und was ist mit dieser Skulptur, die nur aus Gliedmaßen besteht und aussieht wie eine Studie à la Michelangelo? Er denkt nach und bekennt, daß er ”immer wieder nach Lösungen sucht, trotz komplizierter Bewegungen eine Synthese zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion in ausgewogener äußerer Form zu schaffen”. Auch bei dieser Arbeit sei es ihm um ein ”formales Anliegen, ein kunstvolles Experiment in der Gestaltung des menschlichen Körpers gegangen”. Die Voraussetzung für ein solches Wagnis ist seine Gelassenheit. ”Sich fallen lassen”, hat er einmal gesagt, ”ist von wesentlicher Bedeutung. Sich in einen zerrissenen inneren Zustand zu versetzen, um durch die künstlerische Arbeit wieder ins Gleichgewicht zu kommen”.

Bronzeguss - Kollektion Strassacker | Höhe: 70 Jahr: 2001

Acryl, Lack, Sand und Öl auf Leinwand        Öl auf Leinwand

Dann zeigt er seine Bilder. Großformatig. Zyklen. Sie erzählen Geschichten. Über Geburt und Tod, Jugend und Alter. Motive, die sich mit den großen Angst-Themen der Menschen auseinander setzen – Unterdrückung, Verstörung, Veränderung. Über allem liegt ein Hauch mittelalterlicher Frömmigkeit, die von Ängsten und Zweifeln überschattet und erschüttert wird. Aber es ist kein abgründiger Pessimismus, sondern die Darstellung des Menschen in seinen seelischen Konflikten. Zum Beispiel der ”Gefesselte”, ein Zyklus in fünf Akten. Ein Mensch krümmt sich auf einem Stuhl, fest gezurrt. Ein Körper in Fesseln. Sie verwischen sich - von Bild zu Bild zur sichtbaren Befreiung, die im letzten Akt in einem skandalösen Ergebnis gipfelt: Die Fesseln sind abgeworfen. Das Kreuz, am Anfang eine harmlose Stuhlkonstruktion, flammt auf und wird so zum Synonym für die nicht überwindbaren inneren Fesseln. Das Kreuz als Motiv - immer wieder drängt es sich ihm auf. Weil es gegenwärtig ist. Überall, zu jeder Zeit. Wo Menschen gedemütigt und ernierdrigt, ermordet und hingerichtet werden. Jesus stirbt in der seelischen Grausamkeit dumpfer Bürokraten und narzistischem Ehrgeiz, der über Leichen geht. Er wird mit unschuldigen Zivilisten in die Luft gesprengt. Sein Kreuz ist das der Unterdrückten, Gequälten. ”Das Kreuz, auf das der Menschensohn genagelt wurde, um zu sterben”, schreibt der Philosoph Peter Strasser in seinem ”Journal der letzten Dinge”, ”hat keinen Platz innerhalb der Geschichte. Jesu Passion ist weder moralisch, noch historisch”. Also sei es wichtiger, das Kreuz zu begreifen, als es anfassen zu können. Andersen hat es begriffen.

Mischtechnik auf Holz                                Acryl und Öl auf Leinwand

Öl auf Leinwand

Auch viele seiner Zeichnungen sprechen vom Kreuz in den Polaritäten des Lebens. Oft sind es nur hin geworfene Gedanken. Manchmal aber entwickelt sich eine Idee unversehens weiter. Andersen fügt sich, kombiniert die Skizze mit Lack oder Ölfarben und hat am Ende auch auf diese Weise ein fertiges Bild.

Bei allem, was er macht, geht es ihm sichtlich nicht um ein ästhetisches Programm, sondern um die Verbindung von Kunst und Leben. Ganz im Geiste der Kunsttheorie, die den Nutzen der Kunst darin sieht, daß die Begegnung mit dem Ästehtischen neben religiöser und metaphysicher Erfahr-ung der ingressivste Aufruf zur Wandlung ist, zu dem menschliche Erfahrung fähig ist. Die Philosophie von George Steiner leuchtet auf, nach dem ”die Erweckung, die Bereicherung, die Komplizierung, die Verdunklung, die, Sensibilität und Verstehen, die auf unsere Erfahrung von Kunst folgen, ein Ansatz zum Handeln ist”.

Von weitem vermitteln die Bilder Unruhe, Lebenskampf, komplizierten Bildaufbau. Jede Linie, die Schraffuren und Schemen führen den Betrachter in die Tiefe. Die konzeptionellen Elemente sind Diptichon, Dialog von zwei Hauptfarben. Wie beim mittelalterlichen Andachtsbild sind sie nebeneinander gestellt oder übereinander. Sichtbare Parallelitäten zu den abstrakten Arbeiten eines Mark Harrington, zu denen die Kunsthistorikerin Petra Giloy-Hirtz bemerkte: ”Einheit in der Zweiheit – Balance der Elemente, Harmonie und Gleichgewicht, Stabilität und Dynamik, Symmetrie und Differenz, Ordnung und Unordnung....” Die Farben sind reserviert, nicht dekorativ. Der Dialog zwischen zwei Hauptfarben gibt den Bildern Intensität.

Andersens Anspruch ist groß. Und er geht seinen ganz eigenen Weg, weil ihn Mittelmäßigkeit irritiert – weil sie oft zu wenig hört und sieht. Das Gerade, Normale liegt ihm nicht. Also hat er das Studium an der Kunsthochschule Berlin Weißensee bereits nach sechs Wochen ”geschmissen” und meint dazu selbstbewußt: ”Ich weiß, daß mir manches entgangen ist.” Aber er hat sich eben für das Lernen im Leben und vom Leben entschieden. Dazu gehört das Experimentieren, das Entwickeln von Form zu Form, die Suche nach dem eigenen Stil.

Daß er schon spektakuläre Erfolge vorweisen kann, gibt er nur zögernd zu. Immerhin: Für seine Illustration des Kochbuchs ”Köstliche Verführung” hat er den Ersten Preis beim ”International World Cook Book Fair Awards” gewonnen und sich damit mal so ganz nebenbei weltweit profiliert. Für eine Tassenserie, Thema ”Body Talk”, hat er 112 Aktfiguren gezeichnet. Nicht zu vergessen die Ausstellungen in Deutschland und in der Schweiz. Keine spektakulären Plätze, aber viel Anerkennung in den Reden und beim Publikum. Vorerst reicht’s.

Andersen, der schon während der Schulzeit malte und für seine Aktbilder Honorar kassierte, schwört auf die Wirkung der Langsamkeit. Er braucht Zeit. Zum Nachdenken, Machen, Verwerfen. Schon als Kind waren für ihn Bleistift und Papier die wichtigsten Utensilien. Daß ihn seine Eltern dabei ermutigten und unterstützten, ist ein seltenes Glück. Und so war es klar, daß er nach Abi und Zivilidienst sich selbständig machen und ein Künstlerleben ohne Wenn und Aber führen würde.

Seine Ziele? In einer Großstadt leben, womöglich in den USA. Die Vertretung durch namhafte Galerien strebt er an. Bereits vertreten ist er in der Galerie Alexander Räber in Zürich. Jetzt lächelt er. Sein leises Jungenlächeln und dann gibt er noch zu, daß es auch für ihn Momente gibt in diesem Leben, in denen er sich nach ”Normalitäten” sehnt – Partys, Reisen, regelmäßig Geld am Ersten. Das geht aber schnell wieder vorbei, wenn er die Welt in seinen Händen spürt....

www.andersen-art.com

Text: Renate Endres / Fotos: Marco Deling



[Zurück zur Übersicht]