Ganz einfach, ganz kompliziert

Minimalismus – ein Stil der es in sich hat wurde in Bohlingen bei Singen beispielhaft umgesetzt.

Kein Satteldach, kein Balkon, keine Fenster, wie man sie kennt – Claudia Brust und Heinrich Schwing haben in der kleinen Gemeinde Bohlingen bei Singen ganz anders gebaut als hier üblich: streng puristisch, minimalistisch. Sie stellten zwei Kuben auf eine ehemalige Streuobstwiese. Der Kreis Konstanz und die Architektenkammer Baden-Württemberg zeichneten sie dafür zweimal aus.

(0.l.) Der Arbeitsraum im Obergeschoss wurde wie ein Glaskasten konzipiert, der den Blick auf das gesamte Untergeschoss ermöglicht. (u.l. und u.r.) Fundstücke. (o.r.) Das Waschbecken im Duschbereich ist eine Sonderanfertigung. Es wurde nach dem Entwurf des Hausherren Heinrich Schwing aus schwarzem Beton gegossen.


Ein Baum, ein Haus und in der Ecke die dicke gelbe Sonne – ein Kinderbild. Einfach und klar. Es ließ zwei Stadtmenschen, die auf dem Land aufgewachsen waren, nie richtig los. Es wurde zum Synonym einer Lebensform, nach der sie sich sehnten. Claudia Brust und Heinrich Schwing kehrten vor etwa zwölf Jahren Stuttgart den Rücken und zogen aufs Land. Nach Bohlingen bei Singen. In die alte Heimat von Claudia Brust. Auf diesem Grundstück der Eltern, in dieser Idylle am Dorfrand mit ihren rund 2500 Quadratmetern, war Platz genug für ein Haus zum Wohnen und Arbeiten. Von Anfang an schwärmten sie: „... ein Ort der Ruhe, Lebens-Räume, die Empfindungen und Reflexionen zulassen ...“ Manche Passanten allerdings rieben sich die Augen und sparten nicht mit bissigen Kommentaren wie „Betonbunker“ oder „... ja sind wir denn in Tunesien“. Es ging hin bis zur kategorischen Feststellung „... das Haus gehört nicht hierher.“ Dabei haben die beiden leidenschaftlichen Ästheten bei diesem Gebäude noch deutliche Abstriche an ihren architektonischen Absichten gemacht. Beispiel: der Auftritt des Betons im Außenbereich. Durch die üppige Verkleidung mit Holz fiel er eher schüchtern aus. Sie sagen dazu: „Sehr angepaßt“. Bis heute können sie auch die Kritik, die das Flachdach damals auslöste, nicht verstehen. Sich nicht an Konventionen zu halten, bedeutet für sie nämlich keinesfalls die Ablehnung eines intensiven Dialogs mit der Umwelt, mit der Natur. Weil genau das Gegenteil der Fall ist. Im übrigen liegt das Anwesen so versteckt, daß „niemand gezwungen ist, es sich anzuschauen....“ Freilich, ihr Geschmack war geprägt von Erfahrungen in der Stadt – eine Zeit des Hörens und Sehens. Licht- und Raumerlebnisse in Kirchen und Klöstern, alte französische Salons mit großen Fenstertüren zum Garten, japanische Badekultur. Die Entdeckung des Designs. Das Bauhaus, Le Corbusier, Charles Eames. Das weltoffene Ehepaar stieß dabei zwangsläufig auch auf Tadao Ando, den geistreichen Japaner, der rigiden Funktionalismus wie selbstverständlich mit poetischen Räumen verknüpft. Dessen architektonisches Credo sich auf die einfache Form und die Baustoffe Beton, Holz und Glas konzentriert.

Der Arbeitsraum der Werbegrafikerin Claudia Brust ist ein ungewöhnlich hoher, offener Raum. Bei einer Grundfläche von rund 90 Quadratmetern und sechs Metern Höhe kommen Assoziationen an Sakralräume, an Orte der inneren Einkehr auf. Und es entsteht ein Gefühl von Großzügigkeit. Darüber ist, wie eine Schublade, das obere Stockwerk eingeschoben. Physisch durch eine Glaswand getrennt, bleibt dabei das Arbeitszimmer von Heinrich Schwing mit dem Erdgeschoß in Sichtkontakt.

Als es dann eines Tages darum ging, Wohnen und Arbeiten zu trennen, als ein Neubau in greifbare Nähe rückte, war von Anfang an klar, daß dieses Gebäude, das heutige „Atelier“, ohne Rücksicht auf Stimmen von außen nur noch den eigenen Vorstellungen entsprechen mußte. Und das bedeutete Purismus pur. Dann begann die Suche nach einem geeigneten Architekten, einem, der ihre ganz besonderen Wünsche umsetzen konnte. Claudia Brust und Heinrich Schwing fanden ihn in der Schweiz. Per Zufall, sozusagen im Vorbeifahren. Es war ein Schulhaus, das ihnen ins Auge stach, eine Arbeit von Beat Consoni. Auf Anhieb erkannten sie: Das ist unser Mann. Bis heute sind sie davon überzeugt, daß er die beste Wahl war. Weil die Formensprache des Architekten aus Horn (mit Büro in St. Gallen) und Professors an der Zürcher Hochschule in Winterthur, mit ihren ästhetischen Ansprüchen korrespondierte. Und so entstand eine Architektur ohne Fassadenglanz und modische Schwünge, ein minimalistisches Meisterwerk, das durch ehrlichen Umgang mit den Baustoffen, eindeutiger Konturierung der Funktionsbereiche und Perfektion bis ins kleinste Detail besticht. Das beste Beispiel liefert der Baustoff Beton. Anders als bei Le Corbusier, der grobem, schalungsrauhem Sichtbeton die Würde eines von Runzeln überzogenen Gesichts erlaubte, war hier die Reinheit des Materials eine elementare Forderung. Heinrich Schwing, diesmal Bauherr und Bauleiter in einem, fand im Stockacher Bauunternehmen Mühlherr & Wagner einen genauen und zuverlässigen Partner.

Consonis Kunstgriff in punkto Gestaltung: Trotz seines ganz eigenen Charakters steht das neue Atelier mit der Qualität einer skulpturalen Plastik wie selbstverständlich im rechten Winkel neben dem Haus zum Wohnen. Freilich, der Bau wirkt verschlossen, provoziert zu Fragen wie: Warum stellt man in diese herrliche Natur ein so abgeschottetes Volumen? Andererseits will man mehr wissen über das Gebäude. Denn aus dem Anderssein des Aussehens, dem Ort und den Bedürfnissen der Bauherren wurde eine spannungsgeladene Qualität entwickelt.

Das Gebäude besteht aus Erdgeschoß und erstem Stock. Zur Straße hin schirmt die aufwärts strebende Kraft der fensterlosen Wände das Innenleben gänzlich ab. Einziger Schmuck sind die aus der Herstellung der Platten übrig gebliebenen Schalungslöcher und die Fugen, die die Fassade rhythmisieren. Nahtlos gehen die Betonwände ins Flachdach über, das aus dem gleichen Material besteht. Anders als beim Wohntrakt, der nach Westen geöffnet wurde, zeigt dieses Gebäude mit seinem offenen „Gesicht“ nach Süden. Die Glasfläche wirkt wie ausgestanzt und wurde sehr tief gelegt, um über den Einfallswinkel die Kraft der Sonne zu bremsen. Im Sommer hat sich das sehr bewährt. Im übrigen ist die Lichtsituation innerhalb des Ateliers entscheidend durch einen über die gesamte Länge von sechzehn Metern laufenden Schlitz im Dach geprägt. Wie Schießscharten wirken die nach Norden und Osten hin ausgeschnittenen Öffnungen. Sie bieten wunderbare Aussichten auf die umgebende Natur.

Der meditative Badraum im alten Haus wird von großen Schiebetüren vom Wohnbereich getrennt. Aus der ebenerdig, eingelassenen Badewanne sieht man durch das Bodenfenster auf die Bambuspflanzen im Garten. Die alte Zinkkinderbadewanne mit Bambusstab ist eine Hommage an Joseph Beuys. (r.) Wohin man auch sieht – in allem, auch in der Einrichtung, leuchtet die Leidenschaft der Bewohner für die Architektur und das Design der Gegenwart. Blick von der Galerie im neuen Haus auf das Untergeschoß.

Mehr noch als außen zeigt sich das Wechselspiel von Enge und Weite im Inneren des Hauses. Der Arbeitsraum der Werbegrafikerin Claudia Brust ist ein ungewöhnlich hoher, ungewöhnlich offener Raum. Bei einer Grundfläche von rund 90 Quadratmetern und sechs Metern Höhe kommen Assoziationen an Sakralräume, an Orte der inneren Einkehr auf.

Und es entsteht ein Gefühl von Großzügigkeit. Darüber ist, wie eine Schublade, das obere Stockwerk eingeschoben. Physisch durch eine Glaswand getrennt, bleibt dabei das Arbeitszimmer von Heinrich Schwing mit dem Erdgeschoß in Sichtkontakt. Er nennt den von einem Stahlträger gehaltenen Körper „Kanzel“. Überhaupt, das obere Stockwerk, zu dem eine schluchtartig enge Treppe führt, offenbart auf einen Blick die ganze Qualität der architektonischen Arbeit, deren komplexe Raumfolge auch die Möglichkeit des Wohnens zuläßt. Neben allen anderen Finessen wiederholt sich in dieser Kanzel die architektonische Geste des „schwebenden Hauses“. Ein technischer Clou. Das raffinierte Prinzip besteht aus einem Kern und einem Mantel, der ihn umgibt. Dabei sitzt dieser Kern, der innere Kubus, auf einem Fundament. Der Mantel, die Außenmauer, kann sich auf einem Brückenlager bewegen. Teilweise hängt sie frei, weil sie nur an vier Edelstahlankern mit der Innenschale verbunden ist. Durch die Optimierung der Betonmischung war es möglich, die 22 Zentimeter dicken Außenmauern (und die ebenso dicken Innenmauern) über die gesamte Höhe von rund sechs Metern in einer Etappe ohne horizontale Fuge zu betonieren.

Wohin man auch sieht – in allem, auch in der Einrichtung, leuchtet die Leidenschaft der Bewohner für die Architektur und das Design der Gegenwart. Raumhohe Türen, Einbauschränke, Tische, Regale - fast alles eigene Entwürfe, sind maßgeschneidert und in höchster Qualität verarbeitet. Seltene Stühle wie etwa der „Rocking Armchair Rod“ von Eames oder Gerrit Rietvelds „Steltman“, sparsam plazierte Plastiken und Fotografien könnten gut und gerne auch in einem Museum der Moderne stehen. Zu ihrer erkennbaren Schwäche für Schwarz und Grau sagen Claudia Brust und Heinrich Schwing allerdings nichts. Vielleicht liegt eine von vielen möglichen Erklärungen in dem Umstand, daß graue und schwarze, stumpf wirkende Flächen durch minimalste Tonwertmodulationen zu geheimnisvollem Leben erweckt werden können.

Im Mittelpunkt des alten Hauses: der zweistöckige Ein-Raum. Die frei schwebende Stahltreppe wurde aufs wesentliche reduziert. Raumhohe Türen, Einbauschränke, Tische, Regale - fast alles Eigenentwürfe - sind maßgeschneidert und in höchster Qualität verarbeitet. Im Bild Heinrich Schwing mit Ben.

Die Architektenkammer Baden-Württemberg bündelte ihre Eindrücke zu der Feststellung: „... Materialauswahl, Lichtführung und Raumgefüge folgen einem ästhetischen Konzept, das bis zur letzten Konsequenz in Mobiliar und Accessoires durchgehalten ist ...“ Und: „Die Außenanlagen, Steingarten und Bambushain, unterstützten diese architektonische Absicht.“ Mit dem letzten Satz ist der Innenhof gemeint, das eigentliche Herzstück des Ensembles. Hier spielt sich im Sommer fast alles ab. Das Atrium, das den Bauherren ein besonderes Anliegen war, bietet ein Leben mit der Natur und mitten in der Natur. Und es ist ein bißchen so, wie früher – oben in den Bäumen, hinter den Büschen, am Bach. Mit dem Unterschied, daß die mit Eigeltinger Kies bedeckte Fläche an die Tradition japanischer Gärten anknüpft. In der Mitte der rund 250 Quadratmeter breitet eine Platane ihre Äste zum Schattenspenden aus. Ein Baum, der vor der dicken gelben Sonne schützt. Ein Baum zwischen zwei Häusern.

TEXT: RENATE ENDRES
FOTOS: NASH/FRANK MÜLLER


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