Natur, Design und ein Hauch weite Welt

Annelies und Christian Fischbacher verknüpfen in ihrem Haus Alt und Neu zu einem ganz persönlichen Stil

Christian Fischbacher auf seinem Anwesen in Rorschach.

Die Fischbachers sind Kosmopoliten. Am liebsten aber leben sie in ihrem Haus aus den 50er Jahren, das sie zu einem Traum am See gemacht haben. Edle Stoffe aus dem gleichnamigen Unternehmen in St. Gallen, das Heimtextilien der Spitzenklasse produziert, setzen aufregende ästhetische Akzente.

Dort, wo die Churer Straße in Rorschacherberg beginnt, meldet das Navigationssystem "Ziel erreicht" und stürzt die Benutzer in Ratlosigkeit. Kein Wunder. Die nähere Bestimmung fiel flach, weil hier die Häuser keine Nummern sondern Namen haben. Und weil die Gegend so gar nicht nach Wohnen aussieht. Industriearchitektur, die Bahn, Berufsverkehr deuten unmißverständlich auf ein Gewerbegebiet hin. Das freilich ist nur die eine Seite. Die andere versteckt sich hinter hohen Büschen und Hecken. Christian Fischbacher, der vor dem Anwesen wartet, staunt über die Pünktlichkeit der Gäste und lacht. Er kennt die Verwirrung von Besuchern, die zum ersten Mal kommen. Während er das sagt, schwebt ein Stahltor langsam zur Seite. Wie ein Theatervorhang. Auf der Bühne: ein Stück vorweggenommenes Paradies. Ein Riesengrundstück, 2500 Quadratmeter, eingerahmt von alten Bäumen und Büschen, Rasen in englischer Qualität. Der Park, zur Straße hin vollkommen verschlossen, öffnet sich zum See hin in seiner ganzen Größe. Am Ufer tänzelt ein Schwan, schlägt mit den Flügeln, spielt Protagonist. Der Wind rüttelt an den Bäumen und wühlt das Wasser auf. Ein Wetter, bei dem man gern ins Haus geht. In diese Villa aus den 50er Jahren. Ein hinreißendes Beispiel für das Potenzial dieser oft unterschätzten Baujahre – spitzes Satteldach, zurückhaltende Optik, perfekte Proportionen. Das neue Türkis der Fensterläden und Türen wirkt wie eine frische Brise. Annelies Fischbacher betont: "Wir wollten die Ausstrahlung des Anwesens nicht wegrenovieren, sondern betonen." Das gilt auch für den Außenbereich, wo etliche Bäume gefällt werden mussten, um die Sicht zu verbessern, um das Grundstück weiter und lichter zu machen. Das Ehepaar hat den Entschluss, das Wohnen in einem gemütlichen Bauernhaus mit einem Leben am See zu tauschen, nicht bereut. Es schätzt die wechselnde Ästhetik des Insichruhens und Bewegtseins, die ständig veränderten Stimmungen der Natur. Es lebt gern mit den spannungsreichen Dialogen, die sich zwischen Haus und Wasser ergeben.

Überall im Park befinden sich lauschige Plätze zum Entspannen.

Das helle großzügige Wohnzimmer bietet einen herrlichen Ausblick auf Garten und See.

Annelies Fischbacher ist eine grosse Katzenfreundin. Im kleinem Esszimmer befinden sich Katzenbilder einer befreundeten Künstlerin. Rechts das Gästezimmer.

Der Neuanfang liegt etwa vier Jahre zurück. Nach dem Tod ihres Vaters fiel es Annelies Fischbacher leicht, in das Haus zu ziehen, in dem sie aufgewachsen ist. In die Vertrautheit. Sie erzählt von ihrer Mutter, einer geborenen Salzburgerin, einer Schauspielerin, die noch unter Max Reinhard auf den Brettern gestanden hat. Von ihrem Vater, der Textilfabrikant war. Von den Kindern, die jetzt ihre eigenen Wege gehen. Und da erwähnt ihr Mann ganz nebenbei, dass er, früher Fallschirmspringer aus Leidenschaft, im Tessin die größte Fallschirmspringer-Schule Europas gegründet hat. Eine Flugschule gehört dazu. Und hier geht Sohn Christian, der sich in Osteuropa als freier Mitarbeiter engagiert, seinen Lieblingsbeschäftigungen, dem Fallschirmspringen und dem Filmen nach. Sohn Michael, Sprachtalent und studierter Sinologe, leitet in Japan die weltweit größte Filiale des Unternehmens. Tochter Susan arbeitet als Sozialpädagogin.

Im großen Esszimmer befindet sich ein Ölportrait ihrer Mutter und eine gotische Holzfigur der Heiligen Barbara.


Das Ehepaar hat den Entschluss, das Wohnen in einem gemütlichen Bauernhaus mit einem Leben am See zu tauschen, nicht bereut.

Sie alle kommen immer wieder und gerne in das Haus, dessen alte Strukturen Architekt Robert Bamert behutsam in die Gegenwart geführt hat. Und so blieb vieles, wie es war: die Aufteilung der Räume, die Parkettböden, die man nur da, wo wirklich nötig, ergänzte. Annelies Fischbacher bekennt fröhlich: "Wir haben alles entschnörkelt". Dazu gehört auch, dass grüner Granit die ehemaligen Klinkerböden im Flur und im Treppenhaus ersetzt. Die alten Holztüren wurden behutsam saniert. Die Wände bekamen einen neuen Verputz und strahlen nun ganz in Weiß. Lediglich das Schlafzimmer musste von Grund auf umgekrempelt werden. Die zur Straße hin ausgerichteten Fenster hat man zugemauert. Ein begehbarer Schrank fungiert als Lärmschutzschleuse. Der Schlafbereich ist im übrigen der einzige Raum mit Teppichboden – passend zu Vorhängen und Bettüberwurf in den pastellig abgeschwächten Farben des Himmels und des Sees. Eine Atmosphäre zum Wohlfühlen bis in die Zehenspitzen. Die Entscheidung, die Bäder in ihrem urspünglichen Zustand zu lassen, erwies sich im Nachhinein als geniale Idee. Durch und durch im Stil der 50er Jahre mit rosa und grauen, grünen und schwarzen Fliesen, mit den Armaturen von damals, sind sie Glanzlicht im anmutigen Wechsel von Alt und Neu.

Das Schlafzimmer – natürlich mit Vorhängen und Bettwäsche von Fischbacher.

Christian Fischbacher, in fünfter Generation Chef des hoch angesehenen, weltweit agierenden Heimtextil-Unternehmens mit etwa 450 Angestellten und von Berufs wegen täglich mit Design und Qualität konfrontiert, hat die Gestaltung des neuen Zuhauses ganz seiner Frau überlassen. Und die verfolgte nirgendwo ein formales Konzept, sondern vertraute auf ihren Geschmack, ihr Gefühl und den Bezug zum Bestehenden. So wird schon beim Betreten klar, dass sich die interessantesten, lebenssprühendsten, behaglichsten und einfallsreichsten Häuser aus einem Familienleben entwickeln und organisch wachsen. Repräsentativ sieht es aus, aber nicht pompös, gemütlich und doch elegant. Ein Eindruck, den das Wohnzimmer bestätigt. Sensationell ist der Blick hinaus zum See, hinüber nach Friedrichshafen, das man nur schemenhaft sieht an diesem Vormittag. Zwei Vorhänge übereinander, eine Kombination aus beiger, floral gemusterter, schwerer Baumwolle und grünem Taft geben dem Interieur ein weiches Erscheinungsbild. Die unifarbenen beigen Sofas korrespondieren perfekt damit. Ein Gefühl von Stärke und Stabilität vermitteln die Bücherregale aus warmem Holz. Die Tische aus Hongkong erzählen wie die vielen anderen, im ganzen Haus verteilten, sorgfältig arrangierten Souvenirs, von Reisen rund um den Globus. Auf der Fensterbank spitzt Katze Bodrum die Ohren. Sie, zwei Artgenossen und ein Hund sind ebenfalls Mitbringsel. Denn manchmal machen sogar herrenlose Tiere das Reisegepäck der Fischbachers ein bißchen schwerer.

Annelies Fischbacher rettete das original 50er Jahre Bad, dass ihre Mutter so geliebt hat.

Wenn die Herbst- und Winterstürme ums Haus toben, gibt es für das Paar nichts Schöneres fürs Gemüt als einen Feuerabend am offenen Kamin, eine urgemütliche Ecke, die als Oase der Ruhe Wohn- und Essbereich miteinander verknüpft. Gegessen wird unter den Augen der Heiligen Barbara, einer gotischen Skulptur, die sich gut mit dem Bodenseeschrank aus dem 17. Jahrhundert und dem massiven alten Engadiner Tisch plus passenden Stühlen verträgt. Die schönen Antiquitäten, darunter viele geerbte Schätze, sind nicht museal in Szene gesetzt. Schließlich wird alles benutzt. Sie sind Teil des Lebens. Und wie in einer guten Ehe vereinen sich die unterschiedlichen Stile zu einem harmonischen Ganzen. Das gilt auch für die Räume im Obergeschoss, die Zimmer für die Gäste. Auch hier fügen sich schöne Antiquitäten und ausgesuchte textile Elemente in höchster Materialqualität zu harmonischen Ensembles.

Sorgfältige Arrangements als Blickfang befinden sich im gesamten Haus.

Oben wie unten wird der innenarchitektonische Zeitgeist vor allem durch die Lampen geprägt. Das Credo lautet: Räume mit Ausstrahlung brauchen besondere Leuchten. Ganz auf ihre Funktion konzentriert, aus hochwertigen Materialien, mit klarem Design setzen sie alle Bereiche ins rechte Licht und ergeben so ein Highlight ganz für sich.

Im Sommer spielt sich das Leben des Ehepaars vor allem im Freien ab. Im Garten oder auf der Terrasse, die in den See hinein ragt. Und wenn dann die Kinder und Enkel kommen, verstärkt sich für Annelies und Christian Fischbacher dieses Gefühl von Ferien, von der Leichtigkeit des Seins.

TEXT: RENATE ENDRES
FOTOS: NASH


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