Haben Sie einen Strich für mich?

Jürgen Schiertz, eine Ikone der Konzeptkunst

Mit seinen Secondhand-Klamotten, Schürze und Glöcklein am Fuß und seiner Kartonkistenstaffelei mit Ohren, steht Dschiggetai geduldig wartend auf einen Strich.


„Gemeinschaft mit Menschen“ Königsfeld 1976; Fliegender Teppich; 16. Januar 1976; 180 x 150cm; Wasserfarbe/Karton.

Schon seit Jahren wollte ich das kleine Hegau-Dorf Watterdingen, in dem das Künstlerehepaar Nina und Jürgen Schiertz lebt, besuchen. Ich hatte schon so viel über ihre Kunst und extravagante, konsequente Art zu Leben gehört. Bei meinem Besuch, den ich so lange geplante hatte, empfingen mit mich beide herzlich. Das authentische Bauernhaus war fast so, wie ich es mir aus den Beschreibungen vorgestellt hatte. In der Küche am Herd, bekam ich einen selbstgemachten Most dazu frischgebackenes Brot mit einem leckeren selbstgeräucherten Schinken, aufgetischt.

Bereits Anfang der 80er Jahre stieß ich das erste Mal bei einem guten Freund, einem Steinbildhauer aus Worblingen, auf die Arbeiten von Jürgen Schiertz. Es waren I Ging-Bilder auf weißer Leinwand. Von seinen Arbeiten ging eine nicht zu definierende Faszination aus, die mich neugierig machte. Ich wollte von Markus Schwarz mehr über den Künstler erfahren. Markus kam gleich ins Schwärmen, als er von Dschiggetai (Jürgen Schiertz) und dessen Kunstbesessenheit erzählte. Jürgen besäße eine unglaubliche Energie und Leidenschaft, die schon Fanatismus grenze, wenn es um die Verwirklichung seiner Kunst ginge.


Jürgen Schirz in seinem Atelier wo sich bis unter die Decke Kartons mit über 1000 Städtebildern stapeln.


"Dschiggetai" ist eine eigenwillige und außergewöhnliche Persönlichkeit, für die meisten Menschen weder fassbar noch in irgendeine Schublade einzuordnen. Ein Kauz, ein Genie oder doch "nur" ein Künstler, der besessen "Striche" für seine Karton-Bilder sammelt. Dschiggetai hat den erweiterten Kunstbegriff von Josef Beuys, der die Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert so stark geprägt hat, verinnerlicht. Sein künstlerisches Schaffen lehnt sich unmissverständlich an die klare Konzeptkunst an. Sein Atelier ist die Straße. Seit über 30 Jahren sitzt er an Straßenrädern und Plätzen und bittet die Menschen, ihm einen "Strich" zu schenken. Erst saß er in den Städten seiner Umgebung am Bodensee, dann saß er weltweit auf den Straßen der großen Metropolen, und seit 1992 hat er mit seinem neuen Projekt "A Frog jumps in" zahlreiche Dörfer im Hegau aufgesucht.


"Das Abrgündige"; Wyhl 1975; 180 x 150cm; Wasserfarbe/Karton.

Bis 1973 arbeitete Jürgen Schiertz als Kunsterzieher und lebte in einem alten Bauernhaus in Tengen. "Meine Kunst oder die meiner Frau Nina zu verkaufen, war damals fast nicht machbar. Außerdem hatte wir zwei kleine eigene Kinder und ein Pflegekind zu ernähren. Wir mussten aus dem Bauernhaus ausziehen, da der Mann, dem das Haus gehörte, gestorben ist. Ich war auf der Suche nach etwas Neues und habe dieses Bauernhaus in Watterdingen gefunden. Es war in einem schlimmen Zustand, total kaputt. Niemand hat sich für dieses verfallene Haus interessiert. Das war mein Glück, ich konnte es sehr billig mit der Scheune, die jetzt mein Atelier ist, erwerben. Das war 1976. Wir haben alles in Eigenarbeit umgebaut. Wenn wir wieder etwas Geld hatten, wurde es in das Haus gesteckt. Es wurde authentisch renoviert, sodass die alten Sachen erhalten blieben, wie zum Beispiel der alte Ofen in der Küche, der auch heute noch jeden Tag benutzt wird. Auch der große Kachelofen wurde nur saniert. Alles wurde erhalten, indem ich es neu aufgebaut habe. Zum Glück bin ich handwerklich sehr geschickt. Ich habe es alles von meinem Bruder, der drei Handwerksberufe gelernt hat, abgeguckt."


Ausschnitt aus: "Paris" 1986; Das Große Chamäleon von Paris; Sonderstellung von acht Achsenzeichen; 180 x 150cm; Acryl auf Karton.

Die Familie Schiertz lebt fast autark. Sie pflanzen ihr eigenes Gemüse, haben ein Kornfeld, Streuobstwiesen, Beerensträucher, Hasen, Ziegen und Hühner. Jürgen macht seinen eigenen Most, räuchert den Schinken, und Nina backt das Brot. Es wird Holz gesammelt und damit gekocht und die Stube geheizt. Man lebt sehr spartanisch mit Verzicht auf jeglichem Konformismus und Luxus, nur nicht auf die Kunst.

Seine ersten künstlerischen Arbeiten am Straßenrand, mit den vorbeihuschenden Passanten, entstanden früh in den späten 60ern. Aber das waren noch Bilder auf Leinwand mit Pinseln und Farben. Als Jürgen Schiertz 1974 endgültig seinen Beruf als Kunsterzieher an den Nagel hängte, wurde das Geld knapp und reichte nicht mehr für diese teuren Materialien. In Köln stand er mittellos auf der Straße und wollte unbedingt ein Bild realisieren. So behalf er sich mit einem alten Karton. Der ausgediente Karton blieb bis zum heutigen Tag sein Medium. "Früher habe ich viel mit weißer Leinwand und deren weißer Leere gearbeitet. Es war für mich eine große Umstellung, aber das Material Karton passt besser zur Straße und zu meinen Aktionen, genauso wie das Altöl. Altöl entsteht durch unseren immensen Verkehr in unseren Städten. In den ersten Jahren meiner Aktionen habe ich die Menschen in Metropolen wie New York, Oslo, Stockholm, Moskau, London, usw. noch mit Farbe auf den Kartons malen lassen. Aber es war sehr schwierig und aufwendig, da ich ja immer die Farbeimer und Pinsel reinigen musste."


Ninas Bett besteht aus einem riesigen Strohballen. An der Wand ein japanischer Haiku-Spruch: "Überall Sonne und Spatzen – 2. Nov. 72 Nina"

Jürgen Schiertz bereiste mit seinen Kartons viele Orte des Welt-Geschehens. Egal wo, ob gegen den Bau eines Atomkraftwerkes in Wyhl demonstriert wurde, oder in Berlin gerade die Mauer fiel. Seit über 40 Jahren zieht es ihn weltweit zu den Menschen am Straßenrad. Über die Jahre entstanden mehr als 1000 spektakuläre "Städtebilder". Er reiste zu Fuß, mit dem Motorrad, mit Zügen, mit dem Schiff und mit dem Auto. Mittlerweile hat er sein Auto verschrottet.



Das Haus wurde authentisch renoviert, so dass die alten Sachen erhalten blieben. Hier zum Beispiel der alte Ofen in der Küche, der auch heute noch jeden Tag benutzt wird.

So radelt Dschiggetai seit 1994 mit seinem robusten grünen Fahrrad samt Anhänger, bepackt mit seinen Utensilien im Hegau von Dorf zu Dorf. Als Staffelei dient eine selbstkreierte Kartonkiste, in der die jeweiligen Kartons transportiert werden, die später als Leinwand dienen. Das gigantische Projekt "A Frog jumps in" symbolisiert Aktionskreise, ausgehend von seinem Wohnort Watteringen. Wie ein Stein, der ins Wasser fällt, zieht der Künstler immer größere Kreise. Um die Größe der einzelnen Kartons für seine "Städtebilder" zu definieren, sucht sich Dschiggetai einen ihm bekannten Menschen aus, um dessen Maße auf die Größe der Kartons zu übertragen. Das Bild, das später entstehen soll, besteht aus sechs gleichen Teilen. Die dazugehörende Kiste wird maßgerecht für diese Teile angefertigt. Wenn Jürgen die Teile zuschneidet und auf Tour geht, denkt er an diesen gewissen Menschen und nimmt ihn mit auf seine Reise. An Ort und Stelle angekommen, wird die Kiste aufgeklappt, aufgestellt, festgebunden und zur Staffelei umfunktioniert. Dschiggetai erscheint stets unangemeldet, und damit man auch die Kiste von weitem wahrnimmt, werden ihr große Ohren oder Fühler aufgesteckt. Neben der Staffelei erblickt man ein Kuchenblech, das nicht mit Farbe, sondern mit Altöl gefüllt ist. In diesem Blech stehen je ein alter Damen- und Herrenschuh mit Filzsohlen, die als Pinsel dienen. Die Menschen, die sich neugierig und befremdend dem Geschehen nähern, spricht Dschiggetai an und fordert sie einzeln auf, mit den Schuhen auf eines der sechs Kartonelemente einen Strich zu malen. Wie jeder den Strich interpretiert, bleibt offen. Die Leerflächen, die auf dem Bild entstehen, sind von Menschen, die es ablehnten, einen Strich zu malen.


Ni (Nina) holt sich ihre Inspiration aus der japanische Dichtkunst Haiku in der Verbindung mit der Natur. Sie kreiert Lichtbilder auf speziellem Chinapapier. Der Boden in ihrem Atelier ist eigens für ihre Arbeit angelegt. Auf den schwarzen Linoleumboden unter dem Fenster fällt das Sonnenlichtbild. Mit dem transparenten Papier ahmt Ni das Sonnenlichtbild nach. Sie arbeitet nur mit dem Tageslicht. Ihre Arbeiten zeigen in der Intensität der Farben die Kontinuität der Lichtstufen. Die Anzahl der Pinselbahnen wird bestimmt durch die Dauer des jeweiligen Tageslichts. Die Künstlerin arbeitet mit den acht Grundfarben und ihre Veränderungen durch das Licht.

Dschiggetai beschreibt die Aktion wie ein "Liebespaar", denn beide Seiten sind nötig, das Werk entstehen zu lassen – sowohl der Künstler wie auch der Mensch, der bereit ist, einen Strich zu geben. Im Katalog des Städtischen Kunstmuseum zur Ausstellung "Ein Frosch springt hinein" (Dezember 1994) definiert Jürgen Schiertz seine Arbeit: "Wenn ich den Menschen dazu animiere, dass er mir da einen Strich darauf macht, ja, dann gibt es diese kleine Umarmung. Ich brauche, um einen Strich zu malen, den Grund! Das ist eine der wesentlichen Aussagen, dass ich mich mit dem Grund identifiziere. Mit der Leere – die in unserem westlichen Denken eigentlich in Vergessenheit geraten ist, während z.B. bei den chinesischen Malern der Grund eine große Rolle spielt – entsteht erst die Möglichkeit wechselseitigen Erzeugens. Es gibt diesen Strich, ein "Etwas", auf dem Karton, dem "Nichts", nur aufgrund dieses notwendigen Wechselverhältnisses."


Unterwegs mit „Clown Torture“ von Bruce Nauman – "Chackots"; Altöl und Öl/Karton 2003; 177 x 213 cm.


Dschiggetai ist ein radikaler Verfechter seiner Kunst und arbeitet unermüdlich an seinen Projekten bis zum totalen Verzicht Komfort und Konsum. Deshalb stimmt ihn der Status, den der Künstler in unserer Gesellschaft hat, ein bisschen traurig: "In unserer westlichen Zivilisation werden Künstler nicht voll anerkannt. Man ordnet es mehr oder weniger als Hobby ein. Auch ist die Meinung noch sehr weit verbreitet, ein Künstler arbeite nicht. In Indien ist das ganz anders, dort ist es Tradition, wenn z.B. ein Musiker in der Familie lebt, wird er von ihr getragen, er bringt ja schließlich auch seine Leistung. Keiner weiß, dass sich in meinem Atelier über 1000 große Bilder in Kartonkisten bis an die Decke stapeln. Keiner weiß, wann diese Bilder gemalt worden sind. Die denken immer, die Nina und der Jürgen haben frei und sind allzeit bereit für irgendwelche Tätigkeiten. Dass wir aber einen anstrengenden Beruf haben, der viele Stunden Arbeit verlangt, begreifen sie nicht."

Auswahl der Ausstellungen von Jürgen Schiertz, geboren 1944 in Schramberg:

1980 Erstausstellung mit O. Mark in der alten "G.e.m.s" in Rielasingen unter Helmut Bürgel.

1982 nimmt G. Wirth "die nicht in eine Schublade einzuordnenden Arbeiten" in sein Buch "Kunst im deutschen Südwesten" auf.

1991 umfassende Einzelausstellung im Zeppelin Museum Friedrichshafen unter Dr. Tittel (mit Katalog).

1994 zeigt das Kunstmuseum Singen (mit Katalog) unter Dr. Christoph Bauer die 1991 einsetzenden "Dorfgeschehen", in denen er, angeregt von Alan Watts und östlichen Überlieferungen, in den umliegenden Dörfern auftaucht.

2002 Ausstellung des Kunstvereins Singen.

2000 und 2004 Einzelausstellung Galerie Lutze Friedrichshafen. Die Galerie vertritt den Künstler.

Nächste Ausstellung und erste gemeinsame Ausstellung des Künstlerpaares Dschiggetai und Ni Schiertz mit dem Titel "Kunst und Leben" vom 18. Februar bis 2. April 2006 in der Galerie Vayhinger, Radolfzell-Möggingen.

TEXT: NASH
FOTOS: TONI SCHNEIDERS/NASH



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