Gewagte Ausblicke am Pfänder


Der steile Hang oberhalb der vorarlbergischen Landeshauptstadt hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Spielwiese der Bregenzer Architekten entwickelt, die hier ihre Ideen zeitgenössischen Wohnens realisieren konnten. Um dieses auch der Öffentlichkeit aus ungewohnter Perspektive zeigen zu können, bietet die Pfänderbahn mittlerweile Sonderfahrten für Architektur-Interessierte an, in langsamer Fahrt mit fachlichen Erläuterungen. Für Philip Lutz war es also ein Glücksfall, auf diesem begehrten Bauland noch einen Platz für sein kühnes Projekt zu finden. Er erwarb ein im Jahr 1986 erbautes, konventionelles Fertigteilhaus mit tief gezogenem Dach und der klassischen Aufteilung unten Wohnen, oben Schlafen.

Seine Umbaupläne sahen genau das Gegenteil vor: Den oberen Raum mit seiner Rundsicht über den Bodensee vom Säntis bis nach Lindau hatte er als Wohnraum mit Küche vorgesehen, zum Schlafen sollten die unteren Räume dienen. Die obere Etage mit dem Panoramafenster sollte etwas über das Erdgeschoss hinausragen. Die Planung für diese exponierte Stelle wollte das Bauamt der Stadt so erst nach eingehenden Beratungen mit anderen Architekten genehmigen. Ein eigens dafür gebildeter Ausschuss kam zu dem Ergebnis, wenn schon eine Auskragung, dann aber extrem. Daraus resultierte die kühne Planung mit einem Überstand an drei Seiten des Hauses mit einem Maximum von über sieben Meter. Realisiert wurde diese statisch anspruchsvolle Konstruktion mit Leimbindern, die von einer Vorarlberger Firma auf den Millimeter genau gearbeitet wurden.

"Die Geometrie des Hauses reagiert auf die verschiedenen Blickwinkel auf den See und die Landschaft", erläutert Philip Lutz zu seinem Haus. Die 35qm große Terrasse bietet Orientierungen sowohl erdverbunden zum Wald hin, als auch schwebend über dem Hang zum Bodensee. Lässt das untere Geschoss noch die rechteckige Form des einstigen Hauses erahnen, so macht der aufgesetzte Neubau mit der geraden Linienführung kurzen Prozess: hier ist bei den waagerecht verlaufenden Kanten nichts mehr im rechten Winkel. Angesichts der extremen Hanglage kam nur eine leichte Bauweise in Frage. Auch so schon musste die Bodenplatte auf Kellerniveau um einiges erweitert werden, um das Gewicht des Hauses auf eine größere Fläche gleichmäßig zu verteilen.

Alt und Neu verpackte Lutz in eine Hülle aus von Hand gespaltenen Tannenholz-Schindeln. Beim Ma-terial für den Boden des Obergeschosses wurde er in einem Holzlager fündig. Dort entdeckte er eine fast vergessene, seit 20 Jahren gelagerte Tanne, fünf Meter lang, sauber geschnitten und astfrei. Mit diesem Holz konnte er es sich leisten, den Boden nur aufzunageln. Unter dem mit weißlichem Öl behandelten Holz leistet eine Fußbodenheizung ihre Dienste. Sie bezieht ihr warmes Wasser aus einer Geothermie-Heizung mit Wärmepumpe. Die Bohrungen dafür reichen 130m tief in den Hang hinein. Im Übergang der Jahreszeiten wird der Kaminofen angeheizt. Zum niedrigen Energieverbrauch im Haus (nur rd. 600 Euro Heizkosten im Jahr) tragen auch andere Faktoren bei, wie das 35mm starke, raumhohe Sonnenschutzglas im Panorama-Wohnraum, das auch im Sommer für angenehme Temperaturen trotz hoher Sonneneinstrahlung ab dem Nachmittag sorgt. Die Dämmung der Wände besteht aus Mineralwolle. Die Decke im Obergeschoss ist durchgehend auch aus Tannenholz natur. Ihr Faltenwurf verleiht dem Raum Volumen und schafft durch den unterschiedlichen Lichteinfall auf der großen Fläche eine schöne Stimmung. Eingelassen in die Decke sind Halogenlampen.

Der große Raum ist für Wohnen, Essen und Kochen bestimmt. Die ursprünglich konventionelle Küchenzeile ließ Philip Lutz vom Spengler in Maßarbeit bei Front und Arbeitsfläche mit Titanzinkblech verkleiden, das längste Stück misst 8,5m und wurde in einem Stück verarbeitet. "Dieses Material lebt", meint er zum für diesen Bereich ungewöhnlichen Material. Einen zweiten Aufenthaltsort im Freien hat Philip Lutz für seine Familie in Form eines Innenhofes auf der Waldseite des Hauses geschaffen. Eine Holzbrüstung schützt vor neugierigen Blicken der Wanderer, die am Haus vorbei den Weg zum Pfänder in Angriff nehmen. Von dieser Terrasse schafft eine Holzbrücke die Verbindung zum Wald. Dieser Ort am stets kühlen Waldrand ist ideal für die Abendstunden im Sommer, wenn die tief stehende Sonne direkt auf die seeseitige Terrasse scheint. Das Material Holz ist für Philip Lutz zu einem Markenzeichen geworden. Mit seinem seit 1998 in Lochau angesiedelten Büro hat er bereits mehrere Projekte in Vorarlberg und im nahen Deutschland vollendet. Für das Hotel Martinsmühle in Lindau erhielt er im Jahr 2005 den Allgäuer Holzbaupreis. Zur Arbeit im Büro leistet er noch seine Lehrtätigkeit im Fachbereich Architektur an der Hochschule Liechtenstein in Vaduz.


TEXT/FOTOS: PETER ALLGAIER
www.philiplutz.at

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