Wohnen wie beim Märchenkönig


"My home is my castle", zitiert Erich Sorg die Wohn-Devise der Briten. Er und seine Frau nehmen sie sichtbar wörtlich: Die 70m2 Eigentumswohnung im siebten Stock des quadratisch, praktischen Hochhauses aus den 70er Jahren ist nach bayrisch royaler Geschmacksvorgabe des ausgehenden 19. Jahrhunderts ausstaffiert. Es ist eine ganz eigene Welt. Eine Art Schwebezustand, ein Traum zurück in Zeiten, die ihnen sichtbar idealer scheinen als die Wirklichkeit. Man hat das Gefühl, dass man jetzt auf keinen Fall über moderne Architektur und Purismus reden darf. Man hat das Gefühl, dass man damit alles falsch machen würde. Die Ouvertüre beginnt im Flur. Die Wände sind mit prunkvoll gemusterten Stoffen aus England und Frankreich bespannt. Unter der stuckverzierten Decke versprüht ein Kristall-Leuchter aus dem Bayerischen Wald seine funkelnde Herrlichkeit. Ein venezianischer Spiegel vor einer schwarzen Samtbahn, eine Kommode und Stühle à la Barock, ein Rokoko-Tischlein aus der Zeit, mit Rosen und Roncaillen verziert, Landschaftsbilder im Stil der Spätromantik, ein Parkettboden mit Intarsien bereiten auf das Gesamtkunstwerk vor. "Alles selbst gemacht", sagt Erich Sorg und zeigt auf seine Frau. Sie ist der künstlerische Motor des Ganzen. Urkunden an der Wand verraten, dass sie an der "École A.B.C de Paris" Kunst studiert und die Ausbildung mit einem "Diplome de fin d’Etudes" abgeschlossen hat.

Ihre Bilder sind häufig Kopien von Meistern ihrer Zeit. Aber nicht immer. Es gibt auch Vieles aus der eigenen Ideenschmiede. Wie etwa die Buntstiftzeichnung, auf der die Meerschweinchen Mareili und Rosalie aus braunen Knopfaugen treuherzig in die Ferne schauen. Apropos Meerschweinchen. Sie sind das Fundament ihrer Liebe, die mehr als drei Jahrzehnte überdauert hat. Für diese gemeinsame Leidenschaft tun und lassen sie fast alles. Beispiel: Sie verzichten auf Reisen, damit die Tierchen nicht fremd versorgt werden müssen. Sie laden kaum Gäste ein. "Wegen der Unruhe im Haus".

Dafür verbringen sie viel Zeit mit der Pflege ihrer Schützlinge. Das aktuelle Duo heißt Anni und Sofie. Die beiden residieren im Wohnzimmer in einem etwa zwei Quadratmeter großen Gehege mit stuckverzierten Schlafhäuschen, auf denen Stofftiere und Engel Wache halten. "Sonst gehen sie nicht in ihr Haus", klärt Anna Berti auf. Es riecht nach frischem Heu. Eine Seite des Laufstalls stößt an eine Wand mit Gobelin, der einen mittelalterlichen Hafen zeigt. Die Erklärung für die prächtige Deko: "Es ist eine Erinnerung an die Zeit, zu der die Tiere aus Südamerika nach Europa kamen". Berti Anna und Erich Sorg reden langsam und mit einfachen Worten. Alles an ihnen verrät Zufriedenheit. Der Stall beherrscht den Raum, den ansonsten vor allem eine Wohnwand, eine Standuhr, Stoffblumen, Puppen und Stuck an der Decke schmücken. Es gibt Lindenblütentee aus Tassen mit Rosen. Der Kuchen liegt auf einem Teller, auf dem ein Hase Männchen macht. Von der Barock-Sitzgarnitur aus fällt der Blick auf das Spiegelbild eines von Seerosen flankierten Schwans.

Er bildet das Zentrum einer Nische, die sie à la Neuschwanstein "Schwanenecke" nennen. Über dem Sofa hängen Landschaftsbilder mit Bergen - alles Eigenproduktionen von Anna Berti, die stolz auf den "Schmadribachfall" hinweist, die Kopie einer Arbeit von Josef Anton Koch. Das Original hängt in der Neuen Pinakothek in München. Einziger Unterschied zwischen Vorlage und Plagiat: Es ist nicht in Öl, sondern in Acryl gemalt, "weil die Meerschweinchen damit nicht einverstanden gewesen wären". Für die Künstlerin allerdings kein Problem. Sie beherrscht alle Techniken. Freilich, verkauft wird grundsätzlich nichts. "Sie macht es nur für mich", jubelt Erich Sorg, dessen Faible für den Bayernkönig sich sogar auf sein Äußeres ausgewirkt hat. Er sieht ihm irgendwie ähnlich. An der Verschönerung der Wohnung arbeitet er mit, wo er kann. Das Leben des Paares ist gefüllt mit dem stillen Glück des ständigen Schaffenmüssens. Und in dieser unendlich wirkenden Zukunft halten sie konsequent am Gestern fest. Sorgs sind bekennende Liebhaber von Barock, Biedermeier und romantischer Figürlichkeit. In dieser Welt ist folglich kein Platz für Fernsehen und Computer. Sie schauen am liebsten den Tieren zu, wenn sie mit ruckartigen Bewegungen durch ihren Lebensraum huschen. Dann sind Sorgs absolut glücklich und sorglos. Das umso mehr, wenn Anna Berti ihrem Mann zum Tagesausklang Texte von Puschkin oder Adalbert Stifter vorliest. Er sagt: "Ich will ein bisschen heile Welt in meiner Wohnung, weil die Welt nicht heil ist." Dazu gehört natürlich auch das Schlafzimmer, eine Komposition aus Farbe, Stuck und barocken Schwüngen. Bereits an der Tür, eine Hinterglasmalerei mit Flusslandschaft, wird klar, dass man hier keine Kosten und Mühen gescheut hat, damit es so richtig nach Schloss aussieht. Die Wände sind wieder mit reich verzierten Stoffen bespannt. Ein Kronleuchter bildet den majestätischen Mittelpunkt der Decke. Und wenn Sorgs nach einem arbeitsreichen Tag von ihrem mit Seidenrosen umrankten Bett aus hinaufschauen ins Blaue, werden sie von Engeln empfangen. Zwei halten ein Band, auf dem steht: "Die Sonne bringt das Licht in unsere Seelen". Ein anderer hält ein Kreuz in der Hand. Und einer schiebt Wolken. Die Bilder zeigen Böhringen, den Schienerberg. Auch Stuck ist wieder reichlich eingesetzt und findet seine Fortsetzung selbstredend in der Küche und im Bad. Weil Letzteres nur Mini-Maße hat, griffen sie in die Trickkiste für kleine Räume und staffierten es mit zahlreichen Spiegeln aus. Hier ist die Decke ebenfalls blau und in den Ecken mit Engeln bestückt. Mal in der Kombination mit Trompete, mal mit Laute, einer reitet einen Zackenbarsch, der andere zeigt sich mit Seerosen und Wildente. Dazwischen immer wieder großzügig geschwungene Roncaillen. Den Übergang von der Wand zu den Fliesen bilden vergoldete Leisten aus Holz. Der obligatorische Alibert wurde mit einem Schwanenfries geschmückt.

Es ist ganz still. Und mitten in diese Stille hinein sagt sie: "In einer Mietwohnung bekämen wir die Kündigung." Die Küche zeigt, dass die Arbeit, in die sie seit etwa fünf Jahren ihre ganze Kraft stecken, auch eine praktische Seite hat. Denn: Sie brauchen keine neuen Möbel. Was da ist, wird einfach bemalt und verziert und fügt sich damit in den prunkvollen Gesamtakkord. In den Türfüllungen der alten Küchenschränke flattern Goldammer, Schmetterlinge und Kleefalter zwischen Mohnblumen und Wiesensalbei. Alles in Originalgröße wie die Wachteln, Kartoffelkäfer, Feldhamster und Heuschrecke, die sich in einer Wiese tummeln. Die Griffe der Türen sind aus Porzellan, die Wände stoffbespannt. Der unbedarfte Betrachter geht davon aus, dass es in diesen vier Wänden keine schnörkelfreie, undekorierte Zone gibt. Das stellt sich allerdings als Irrtum heraus. Glücklich verrät das Ehepaar: "In der Besenkammer und auf dem Balkon gibt es noch viel zu tun". Zum Beweis wird der Gast hinaus geführt, in den Wintergarten. Und da kommen dann so richtige Neuschwanstein-Gefühle auf. Hoch oben über der schnöden Welt geht der Blick in die Ferne, auf den See, auf die Berge, auf die Gewissheit, dass es nichts gibt auf dieser Welt, was diese Idylle stören kann. Ganz wie beim "Kini". Übrigens gleichen sie ihrem Idol auch noch in einem anderen Punkt: Sie wollen nicht, dass man sie stört. Deshalb bleibt ihre Tür für Neugierige grundsätzlich geschlossen.


FOTOS: BEATE NASH
TEXT: RENATE ENDRES

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