Ein Fußboden voller Farbe


Polyurethan ist ein lösungsmittelfreies Gießharz, das flüssig aufgetragen wird, und das als strapazierfähiger Untergrund in der Industrie schon seit längerem verwendet und geschätzt wird. Für die künstlerische Gestaltung hatte es Jeanet Hönig in Holland entdeckt und auch dort erste Erfahrungen im fachgerechten Umgang und exakten Arbeiten damit gemacht. "Denn was auf dem Boden geht, das geht auch in Bildern", beschreibt sie ihre Idee zur Transformation des Industrieproduktes in die Kunst. Was ihr noch fehlte, das waren die Farben, denn bis dahin gab es Polyurethan nur in Grau- oder Grüntönen. Für künstlerisches Arbeiten einfach zu wenig. In Zusammenarbeit mit der Firma Degussa Bauchemie machte sie sich an die Arbeit und schuf einen Farbkasten, der mittlerweile 40 verschiedene Farben enthält. Über den persönlichen Kontakt zu Architekten gelang es ihr, erste Projekte im Bodendesign zu realisieren. Mit zahlreichen Presseveröffentlichungen erlangte ihre einzigartige Technik schon in kurzer Zeit einen guten Ruf.

Das war vor rund zehn Jahren. Mittlerweile sind es über 100 Projekte, die Jeanet Hönig in der ganzen Welt realisiert hat. Die Lust am Zeichnen und künstlerischen Gestalten entdeckte Jeanet Hönig schon in früher Jugend. Aufgewachsen auf einem Bauernhof bei Stockach, war sie in Sachen Kunst Autodidaktin. Paris, die Stadt der schönen Künste, war die erste Station ihrer Ausbildung mit dem Schwerpunkt Modedesign. Ein Stipendium führte sie zum Design-Studium nach Tokio. Diese Entwicklung entsprach ganz ihrer Intention, im Rahmen einer breit gefächerten Ausbildung Erfahrungen in Kunst und Design zu sammeln und diese zu kombinieren. Der Entwurf einer Kollektion für die Haute Couture Marke Lavine war das Ergebnis dieses konsequenten Vorgehens. Zurück auf dem elterlichen Bauernhof wagte sie den ersten Schritt ins selbständige künstlerische Leben. Im Nachbarort, im Gebäude der deutschen Zentrale von Saeco, konnte sie ihr eigenes Atelier einrichten. Mehrere Ausstellungen und das Design einer Tassen-Kollektion für den Marktführer bei Kaffeeautomaten markierten den viel versprechenden Einstand in der regionalen Kunstszene.

Doch dieses Potenzial war für die ambitionierte Künstlerin bald erschöpft und es zog sie nach Holland, der Heimat ihrer Mutter. Das Leben in Rotterdam schildert sie als sehr inspirierend, sie habe dort viele neue Anregungen erfahren. Unter anderen eben auch die Begegnung mit Polyurethan. Die räumliche Situation spielt für das Design ihrer Fußböden eine wichtige Rolle. So bildet die Aufteilung nach Bereichen der Ruhe und solchen der Bewegung die Basis der künstlerischen Gestaltung, für Farbe und Design. Ihren Kunden legt sie stets mehrere Designentwürfe vor, solche mit figürlichen oder abstrakten Elementen. Auch die Architektur und Umgebung des Gebäudes oder dessen Funktion spiegelt sich in den Entwürfen wider. Für die technische Umsetzung des Designs kann Jeanet Hönig auf verschiedene eingespielte Teams zurückgreifen. Ist der Untergrund von den Bauleuten optimal vorbereitet, beginnt der Auftrag des zähfließenden Materials. Dann ist nicht nur exaktes, sondern auch zügiges Arbeiten gefordert. Denn Polyurethan beginnt bereits nach rund 30 Minuten an der Luft mit dem Aushärtungsprozess. Große Flächen werden mit der Zahnspachtel in einer Stärke von drei Millimeter aufgetragen, die Linien im feinen Farbstrom gegossen. Um großflächige Abdrücke zu vermeiden, steht die Künstlerin dabei auf Nagelschuhen, das sind Spezialschuhe mit langen Stiften an der Sohle.

Ihre Technik hat Jeanet Hönig im Laufe der Jahre weiterentwickelt und mit neuen Akzenten perfektioniert. So entstehen nicht nur großformatige Gemälde auf dem Boden – ihr größtes Projekt realisierte sie bei T-Online in Darmstadt mit einer Fläche von 6000 qm – sondern auch die Kombination mit Spezialeffekten wir Glitter, Glas, Metall oder Lichtelementen sind machbar. Wer die Optik von purem Beton oder Marmor mit der Haltbarkeit von Kunststoff kombinieren möchte, der wird bei Jeanet Hönig ebenfalls gut beraten. Mit ihrer Kunst im Floor-Design sieht sich Jeanet Hönig weltweit gut etabliert. Auf Referenzprojekte kann sie bei Weltfirmen wie Shell, Philips, Bayer, Danone, Philip Morris, Escada oder McDonald’s verweisen. Die kreative Freiheit musste in den letzten Jahren zugunsten des unternehmerischen Erfolgs leider etwas zurückstehen. Doch damit ist Jeanet Hönig mit sich selbst im Reinen. Denn ohne Erfolg auch in finanzieller Hinsicht wäre für sie ein Leben mit der Kunst nicht ohne weiteres möglich. Doch jetzt sieht sie die Basis für das kreative Element ihres Lebens gelegt und sie möchte wieder mehr Zeit in die künstlerische Arbeit im Atelier investieren. Bilder in Gießtechnik mit Polyurethan auf Leinwand zu bringen und die Zusammenarbeit mit Galerien zu verstärken, das sind ihre Ziele für die kommenden Jahre.


TEXT: PETER ALLGAIER
FOTOS: PETER ALLGAIER/JEANET HÖNIG
www.jeanet-honig.com

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