Hermann Hesse-Haus vor dem Abriss gerettet


Eva Eberwein ist eine Frau, die weiß, was sie will, und wenn sie sich eine Sache in den Kopf gesetzt hat, zieht sie sie auch bis zum Schluss durch, egal, welche Hindernisse und Schwierigkeiten sich ihr dabei in den Weg stellen. Mit der Sanierung und Restaurierung des Hermann-Hesse-Hauses ist ihr Meisterstück gelungen, das zu Recht den Landesdenkmalpreis 2005 erhalten hat.

Nur ein Haus hat Hermann Hesse selbst gebaut. Es wurde 1907 vom Baseler Architekten Hans Hindermann in Gaienhofen fertig gestellt und war bis 1912 der Wohnsitz der Familie. Nach wechselvoller Geschichte und vielen Veränderungen konnte das Haus im Jahre 2004 durch das Ehepaar Eberwein vor dem Verfall gerettet werden. Wie kommt eine Familie aus Rhöndorf am Rhein an dieses Anwesen?

Der Vater von Eva Eberwein stammte aus Gaienhofen, und so verbrachte sie als Kind ihre Ferien bei ihren Tanten am Bodensee. Sie kannte in Gaienhofen jeden Baum, jeden Strauch und jeden Stein, aber der Bezug zum Hermann-Hesse-Haus kam erst Jahre später. Als 12jährige verbrachte sie mit ihrer Mutter ihren Urlaub im Hermann-Hesse-Haus, das damals die Pension Waentig beherbergte. Lenore Waentig war die Witwe des Kunstmalers Walter Waentig, der in den 50er Jahren verarmt starb. Es war eine nette kleine Pension mit fünf Zimmern, die sehr persönlich geführt wurde. Eva Eberwein erinnert sich, dass sie in jenen Tagen auf der Veranda Englischvokabeln pauken musste. Sie wusste bereits damals, dass es sich um das Anwesen der Familie Hesse handelt, denn man frühstückte draußen im Garten auf deren Stühlen. Die Familie Hesse hatte viele ihrer Möbelstücke bei ihrem Umzug in Gaienhofen zurückgelassen, da das neue Haus in Bern möbliert vermietet worden war.

Als Evas Vater 1999 starb, vermachte er seinen Kindern sein Haus in Gaienhofen. Der Bruder übernahm das Elternhaus und so erinnerte sich Eva Eberwein wieder an das Hesse-Haus. Das Anwesen stand 2003 bereits sechs Jahre zum Verkauf und war in einem verheerenden Zustand. Nach reiflicher Überlegung entschlossen sich die Eheleute Dr. Bernd und Eva Eberwein das Haus zu kaufen und verhinderten damit den drohenden Abriss eines einmaligen Kulturdenkmals und weitere Bebauungsabsichten für das Grundstück. Es war Eva Eberwein von Anfang an klar, dass derjenige, der dieses Haus erwirbt, sich auf seine Geschichte einlassen und bereit sein muss, auch mit dieser Geschichte zu leben.

Der Anstoß kam durch Zufall. Die Eberweins erfuhren aus dem „Gemeindeblättle“ von einer vorläufigen Rückstellung einer Bauvoranfrage für die Überbauung des Hesse-Gartens, was eine erneute Verkleinerung des Gartens bedeutet hätte. Sie besichtigten das völlig ruinierte Haus. Eva Eberwein, die sich selbst als furchtlos bezeichnet, war beim dem Anblick, der sich ihr dort bot, schockiert wie selten in ihrem Leben. Allerdings hatte sie bereits Erfahrung mit Altbausanierungen. Zudem interessierte sie als Biologin das Gartengelände brennend. Der Wunsch, dieses Kleinod der Nachwelt zu erhalten, war so stark, dass sie sich trotz aller Probleme für Kauf und Erhaltung des Anwesens entschlossen.
Kaum zu glauben, dass sich in all den Jahren keine Initiative zur Erhaltung dieses Hauses gebildet hatte. Eine glühende Hesse-Verehrerin ist Eva Eberwein nicht, es ging ihr primär um die Erhaltung des Kulturgutes. Es ist der erste und einzige Garten, den Hermann Hesse von Grund auf selbst konzipierte und eigenhändig anlegt hat. Dies ist der Grund für den Rekonstruktionsversuch durch die jetzigen Eigentümer, die Hesses Garten nach jahrzehntelanger Verwilderung wieder auferstehen lassen.

Es geschah buchstäblich im letzten Moment, da der Denkmalschutz kurz vor der Aufhebung stand. (Wenn es ist für den Eigentümer unzumutbar ist und ihm die entsprechenden Mittel fehlen, ein denkmalgeschütztes Haus zu erhalten, und er nachweisen kann, dass sich kein Käufer findet, wird es zum Abriss freigegeben.)

Eva Eberwein kommt ins Schwärmen, wenn sie vom Hesse-Haus und seiner zeitlosen Reformstil-Architektur erzählt. Die Geschichte der Restaurierung ist spannend, weil voller Entdeckungen. Die Enkel Hesses wurden angesprochen, suchten nach alten Fotos und standen so dem Projekt hilfreich zur Seite, denn es konnte nahezu authentisch rekonstruiert werden. 2004 wurde mit der Sanierung begonnen. Die Auflagen des Denkmalschutzes zogen viel zusätzliche Arbeiten und Kosten nach sich. Eva Eberwein hat selbst mit Hand angelegt und mit hiesigen Handwerkern zusammen gearbeitet. Ein befreundeter Architekt aus Rhöndorf, der sich auf denkmalgeschützte Häuser spezialisiert hatte, übernahm die Bauführung. Es ging alles Hand in Hand. Die Handwerksbetriebe waren von der Arbeit begeistert und freuten, sich an so einem Bauvorhaben teilzuhaben. Die Außenfassade war in einem erbärmlichen Zustand. Es mussten viele Schindeln ersetzt werden. Ein Schindelmacher musste ausfindig gemacht werden, der die einzelnen Stücke neu schnitzen und einsetzen konnte. Die Fenster konnten glücklicherweise im Original erhalten werden, ein alter Schreiner aus der Nachbarschaft hat sie alle in liebevoller Kleinarbeit restauriert. Er machte sich sogar auf die Suche nach alten Fenstergläsern.
Auch die Fassadenfarben sind die Originalfarben. Eine befreundete Kunsthistorikerin kratzte danach und teilte Eva Eberwein mit, dass sie ein rosafarbenes Haus besitze. Als der erste Schreck verfolgen war, beschäftigte sich die Bauherrin intensiver mit den Farben und fand heraus, dass genau diese Farbtöne aus der Polychromie der Farben für die Innen- und Außengestaltung von Le Corbusier stammten.

Leider ist über die Jahre fast das gesamte Mobiliar auf Floh- und Trödlermärkten verschwunden. Nur die Einbauschränke und Regale waren geblieben, aber in einem beklagenswerten Zustand. Derzeit sucht Eva Eberwein nach den Gartenstühlen und arbeitet zudem an der Recherche des Südgartens. Der Nordgarten ist bereits wiederhergestellt, allein die Recherche dafür hat zwei Jahre gedauert. Der Nordgarten wurde wieder so angelegt, wie es Hesse geplant hatte. Im Archiv von Marbach fand Eva Eberwein in einem Brief (1908) Hesses an seinen Vater einen Zettel, auf dem Hesse fein säuberlich einen Gartenplan gezeichnet hatte. Um alles wieder originalgetreu zu bepflanzen, sucht Eva Eberwein nach alten Pflanzenschätzen rund um das Jahr 1900. Viele dieser Sorten werden heute nicht mehr gezüchtet. Die Biologin hatte Glück und schon einiges aus stillgelegten alten Gärten erhalten. Sie freut sich über jeden Tipp, der sie auf einen alten Garten hinweist, der weggerissen werden soll. Zurzeit sucht sie Dahlien, Hesses Lieblingsblumen. Er besaß über 100 verschiedene Sorten, seinen Garten schmückte bereits die älteste Dahlie Deutschlands, die „Kaiser Wilhelm“. Aber nicht nur alte Dahlien wachsen dort, sondern auch alte Rosensorten, die herrlich duften. Sie stammen aus einem alten Garten in Gaienhofen, der bebaut wurde. Es wäre eine Geschichte für sich, alle alten Pflanzen zu benennen, die die Biologin schon zusammengetragen hat.

Fassadenbegrünung war zu Hesses Zeit ein unverzichtbares Element der Hausgestaltung. Reformarchitektur bedeutete, dass ein Haus mit dem Garten verwachsen sollte und der Garten einen nahtlosen Übergang in die Landschaft bildete. Diese Vorstellung konnte auf Hesses Anwesen perfekt verwirklicht werden.

Wir wollen noch erfahren, ob denn kein Geheimfach bei der Sanierung gefunden wurde. „Selbstverständlich“, lacht die Hausherrin, aber ein Geheimfach sollte geheim bleiben, erklärt sie uns schmunzelnd. Aber sie wartet mit einer anderen phantastischen Geschichte auf, die der Entdeckung eines kostbaren Schatzes gleichkommt. Es gab im Erdgeschoss einen schönen Steckborner Kachelofen, der verschwunden war. Als sie den Vorbesitzer nach dem Verbleib dieses wertvollen Ofens fragte, verwies dieser lapidar auf die Sickergrube. Natürlich nahm Eva Eberwein diese Äußerung nicht ernst. Aber als die Eberweins im Frühjahr die Sickergrube öffnen ließen und die Baggerschaufel sich tief in eine Mischung aus Farbeimern, Fahrradresten, stinkenden Lappen und eine Ekel erregende lösungshaltige Brühe gruben, sah Eva Eberwein plötzlich etwas, was ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie griff in den Dreck und zog eine türkisfarbene Kachel heraus. Ihr Jagdinstinkt war geweckt und sie fand eine weitere Kachel. Der Bagger stoppte und jedes einzelne Teil des Ofens wurde vorsichtig mit den Händen aus der Grube befördert. Die ekelige Arbeit hat sich gelohnt, acht Kisten mit Teilen und Kacheln des Ofens konnten gerettet werden. Im Wohnzimmer sind Einzelteile zur Ansicht ausgestellt. Da dieser aufwendige Ofen so gar nicht zu der Reformarchitektur passt, geht man davon aus, dass Mia Hesse ihn sich ausgesucht hat, denn sie bewohnte mit den Kindern das Erdgeschoss. Hermann Hesse lebte im ersten Stock, abseits vom Tagesgeschehen.

Das Haus, eine schicke Landhausvilla mit farbiger Außenfassade, war für die damaligen Verhältnisse in dieser armen Gegend sensationell. Es gab fließendes Wasser, zwei Klosetts, ein Badezimmer sowie einen begehbaren Schrank. Mia Hesse war die treibende Kraft für das innovative Haus. Sie gab ihm auch den Schindelmantel, der ein typisches Schweizer Element ist. Sie beschäftigte sich mit den Farben, der Inneneinrichtung und den Öfen. Sie soll technisch sehr versiert gewesen sein, zudem war sie die erste Berufsfotografin der Schweiz.

Das Haus, wie Hermann Hesse sagte, war für die Ewigkeit gebaut. Er wollte dort mit der Familie bis an das Ende seiner Tage bleiben. Aber es hat sich schnell gezeigt, dass dies ein Irrtum war. Man kann keine heile Welt erzwingen, und sie beschlossen beide das Haus aufzugeben.
Das Haus ist nach Anmeldung für die Öffentlichkeit zugänglich:
E-Mail: Anmeldung@Hermann-Hesse-Haus.de oder Tel. 02224-79068

Mehr Infos: www.hermann-hesse-haus.de

Text/Fotos Beate Nash

[Zurück zur Übersicht]