Halb Veneto, halb Orient


Langsam wird es Abend. Die Stimmen wirken gedämpfter, auch die Komplimente für den „Gavi“ in den Gläsern, den Prosciutto, den Peccorino mit Basilikum und alles Andere, was nach Italien schmeckt. Der Vollmond hängt in Zweigen wie ein vergessener Lampion. Monika und Jürgen Müller huschen durchs Haus, durch den Garten, über die Terrassen und zünden die unzähligen Fackeln, Kerzen, Wind- und Teelichter an. Irgendwann tanzt ein Meer von großen und kleinen Flammen in der Dunkelheit. Schönes wird noch schöner, Sinnliches noch sinnlicher. Es riecht nach Toskana im Sommer. Wäre da nicht die Musik, die aus dem Wohnzimmer kommt. Da denkt man Verschleierte mit kreisenden Hüften, an Männer mit Wasserpfeifen, an Sheherezade. Draußen Italien, drinnen Orient. Das Unternehmerehepaar nimmt den Bruch bewusst in Kauf, bekennt: „Wir machen, was uns gefällt.“ Unberührt von Mainstream, Bedeutung und Namen. Müllers setzen auf den in Stuttgart lebenden Künstler „Imutz“, der sie schon seit gut 15 Jahren berät, begleitet und fast schon zur Familie gehört und der nicht mehr und nicht weniger will, als „die Persönlichkeit der Auftraggeber zu visualisieren“. Was die Augen sehen, ist Fülle, Leichtigkeit, ein Stück Welt, die an manchen Stellen die Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit sprengt.

Wer das Haus betritt, wird sofort gefangen genommen von diesem Miteinander aus maurischen und byzantinischen Stilelementen. Es ist wie ein Theater ohne Text, eine Bühne, auf der Menschen umhergehen, ohne von Lärm und Hektik beeinträchtigt zu werden. Überall spürt man die Lust auf Prunk. Einzigartig, wie „Imutz“ das Wohnzimmer mit seinen neunzig Quadratmetern als Rahmen nutzt, um Geschichten zu erzählen. Die Hauptfarbe Rot. Dazu dramatisches, vibrierendes Licht von Kerzen und Wandleuchten aus Silber und die indirekte Beleuchtung zweier Eckschränke aus Eisen. Hier kann man in Farben schwelgen, in wuchtigen Sesseln satte Opulenz genießen. Wer so wohnt, ist im Herzen Romantiker. Überall spürt man den Drang nach Unmittelbarkeit und Expressivität, die in die Verehrung des kulturell Fremden und ganz Anderen mündet. Es ist die Ästhetik eines Harun al-Raschid, die für außergewöhnliche Inszenierungen bürgt. Auch im Eingangs- und Essbereich. Goldprunkende Stuhlbeine und Bilderrahmen, geheimnisvolle Leuchten, Stuck, an den Wänden Farben, mal ganz ruhig und tief, dann wieder in Wischtechnik und mit Ornamenten, die das Auge in sinnverwirrende Tiefen stürzen. Die Imaginationskraft des Orients macht nur vor der funktionalen Küche Halt, die sich mit zwei Drucken von Andy Warhol abgrenzt als reiner Arbeitsbereich. Auch im ersten Stock zieht der gewiefte Ausstatter alle Register, gibt seinem maurisch-byzantinischen Theater den letzten choreografischen Schliff. Der paradiesische Wohnzustand im Innenraum aller Innenräume, im Badezimmer, wird bestimmt von dunkelblauen Wänden mit Schablonenmustern, gebrochenem Marmor und Muscheln für die Dusche und als Fries. Im Mittelpunkt steht die mit Kupfer verkleidete Badewanne mit ihren „blauen Augen“, Glaskugeln, die im strengen Metall mit fröhlicher Leichtigkeit strahlen. Auch im Schlafzimmer daneben dominiert Blau, die bestmögliche Kulisse für das dem Messingbett und die rot/goldenen Nachttischlampen. Hinter dem Gästezimmer mit geerbten Möbeln führt eine Treppe in den Ostflügel des Hauses, der mit Whirlpool, Ruhezonen und Fitness-Gerät Wintergarten-Gefühle weckt. Monika und Jürgen Müller sind rundum zufrieden mit ihrem Heim, dem „Imutz“ mit unzähligen witzigen Details, ausgefeilten Techniken und großer handwerklicher Sorgfalt seinen Stempel aufgedrückt hat und betonen: „Es wäre nie so geworden, wenn wir ihn nicht gehabt hätten..“

Doch zurück zum Anfang. Es war ein Bild, die Werbung für ein Luxusauto, im Hintergrund eine herrschaftliche Villa im Stil von Andrea Palladio. So sollte ihr Traumhaus aussehen. Der Traum wurde Wirklichkeit. Er versteckt sich hinter einem Aluminiumtor, die blickdichte Grenze zum Draußen. Wenn es sich dann Zentimeter um Zentimeter öffnet, ist es wie eine Vision, etwas, das auf geheimnisvolle Weise wie eine vorstellbare Vergangenheit und gleichzeitig wie eine undenkbare Zukunft aussieht. Man wird sofort hinein gesogen in die Großzügigkeit de Architektur, in die Harmonie der Renaissance. Man taucht ein in eine Welt, die ungezwungene und fröhliche Offenheit verkündet. Großartig, wie Architekt Peter Ettwein den U-förmig angelegten Bau als Bühne nutzt, um das Thema Wohnen zu erzählen. Ganz nach Art der Villen und Stadtpaläste im Veneto des 16. Jahrhunderts. Diese hier hat unten drei Freiflächen zum Sitzen, oben eine umlaufende Terrasse, ein flaches Satteldach. In diesem herrschaftlichen Anwesen kann man sich erfüllen lassen von der Atmosphäre einer venezianischen „villeggiatura“.

Nach Norden, zum Nachbargrundstück hin, verschließt sich das Gebäude hermetisch ab und öffnet sich um so mehr nach Süden mit raumhohen Fenstern und Türen, die nach oben hin abgerundet sind, zur großen Terrasse vor dem Wohnzimmer. Von hier aus geht der Blick in den Garten, zu dem eine Steintreppe hinunter führt. Man geht auf einen Springbrunnen zu, der die strenge Symmetrie der Architektur aufnimmt. Er steht mitten in diesem Garten, an dessen altem Baumbestand nicht gerüttelt werden durfte. Und so blieb der Landschaftsarchitektin nichts anderes übrig, als ihre Ideen in das Bestehende zu integrieren. Rosen und Hortensien, Buchs in unterschiedlicher Form und Größe und ein paar Zypressen ergänzen sich perfekt mit den alten Büschen und Bäumen zu einem Grünbereich mit mediterranem Flair. Auch hier ist es ein Miteinander, dessen Ordnung sich dem Besucher auf den ersten Blick kaum erschließt und doch dazu führt, dass jeder , der das Anwesen des Ehepaars betritt, sich seinem besonderen Charme nicht entziehen kann. Für Monika und Jürgen Müller ist das ihre Insel, der Platz an dem sie sich nach einem langen, aufreibenden Arbeitstag “vom ersten Moment an entspannen können”.

Text: Renate Endres
Fotos: Beate Nasch

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