Graffiti goes Jugendstil


Als Vorläufer des Graffiti-Writings gilt der Schriftzug „Kyselak“, den der Österreicher Joseph Kyselak im 19. Jahrhundert auf Grund einer Wette an alle möglichen und unmöglichen Stellen schrieb. Ein weiterer Vorläufer ist der Satz „Kilroy was here“, der im Zweiten Weltkrieg von US-Soldaten mitunter an die seltsamsten Stellen geschrieben wurde. Graffiti-Writing als fester Bestandteil der Hip-Hop-Kultur hat seine Wurzeln im New York der 70er Jahre.



Als ich den Graffitikünstler Jeroo, alias Christoph Ganter, traf, war ich überrascht. Er wirkte auf mich eher bieder. Seine Klamotten waren alles andere als cool. Weder war er tätowiert oder gepierced, soweit ich das sehen konnte, das einzige Extravagante war das kleine modische Ziegenbärtchen. Was mich aber noch mehr in Erstauen versetzte war, dass er mir während unseres angenehmen Gesprächs offenbarte, sein absolutes Idol sei der Jugendstilmeister und Maler Alfons Mucha. Der Einfluss des Jugendstils ist in seinen neuesten Bildern klar zu erkennen. Eine mutige und eigenwillige Kombination der beiden so konträren Stilrichtungen. Die Motive vermitteln dem Betrachter eine bizarre und verwunschene Welt. Schon seit Jahren hatte ich die Graffitiarbeiten von Jeroo in Konstanz und Umgebung im Visier, wusste aber nicht, wer dahinter steckt, bis mich die Tochter einer Freundin über das Internet-Portal „My Space“ aufklärte. So konnte ich Jeroo ausfindig machen.



Vor 15 Jahren bei einem Schulprojekt in Stuttgart, in dem der große Bruder seines besten Freundes einen Graffitiworkshop veranstaltet hat, fing alles an. Bis dato hatte Jeroo noch nicht gewusst, welche künstlerischen Ambitionen in ihm stecken. Er hatte auf dem Gymnasium weder einen Leistungskurs Kunst belegt noch sich irgendwann künstlerisch betätigt. Aber seit diesem Workshop war er besessen von dieser Art von Kunst. Es waren die Buchstaben und die moderne Kalligrafie, die ihn so faszinierten. Ganze 12 Jahre sprühte er immer wieder Buchstaben, hauptsächlich sein Synonym „JEROO“, in allen Varianten und immer neu kreierten Schriftzügen. Er arbeitete komplett frei und ließ sich von keinen Einflüssen anstecken. Mit 18 Jahren ist er nach Konstanz gezogen, und in dieser Zeit ging das „Kunst-Reisen“ rund um den Globus innerhalb der Graffitiszene richtig los.





Die Graffitiszene ist eine geschlossene verschworene Gemeinde, die aber komplett im Internet vernetzt ist.
Wenn man verreist, ist man überall auf der Welt bei seinen „Kollegen“ willkommen und bekommt eine Bleibe. Es ist eine große, lockere Multikulti-Familie, die weder nationale noch internationale Grenzen kennt. Mittlerweile ist der internationale Markt so groß, dass über 40 Graffitimagazine weltweit publiziert werden. Früher war es sehr schwierig mit „legalen“ Arbeiten in der Graffitiszene seinen Namen und Ruf zu etablieren. Deshalb wurden damals in New York die U-Bahnen besprüht, um die Arbeiten in andere Stadtteile zu transportieren und so seinen Bekanntheitsgrad und Ruhm zu erhöhen. Da hat man es heute schon leichter. Wenn die Arbeiten gut sind, werden sie in den einschlägigen Magazinen veröffentlicht oder man stellt sie ins Internet.



Jeroo hat in der Szene den ersehnten Ruhm (Fame) erlangt. Er hat unter anderen zweimal das Montana Style Combat in Stuttgart gewonnen und war 2007 dort als Jury tätig. Im Juni 2008 trat er mit seinem Münchner Kollegen bei Write4Gold, der Graffiti-Europameisterschaft, gegen 27 Gegner aus Deutschland, England, den Niederlanden, Luxemburg und der Schweiz an.



Zu seinen gesprühten Werken zählen mittlerweile über 1000 großflächige Graffiti im Außenbereich in dreizehn verschiedenen Ländern auf vier Kontinenten. Aber das heißt nicht, dass es nur so Aufträge hagelt. Die Graffitikunstszene steht etwas abseits von der klassischen Kunstszene. Chris (27 Jahre) hat zum Glück einen „anständigen“ Beruf erlernt. Er hat Sport und Englisch auf Lehramt (Gymnasium) studiert, 2008 das Staatsexamen bestanden und möchte jetzt in Berlin Kunst auf Lehramt studieren.



Die Message, die hinter dem modernen Graffito (Schriftzug mit Namen) steht, heißt: „Ich war hier.“ Das Graffito erhebt keinerlei politischen Anspruch, es geht ausschließlich um das Ego des Sprühers. Man fängt mit den Tags (Signaturkürzeln) und einfachen Unterschriften an. Das ist die Grundform des Graffitos. Es gibt verschieden Typen des Graffiti-Sprühers.



Jeroo gehört zu denen, die den künstlerischen Aspekt in den Vordergrund stellen. Ihnen geht die Qualität über die Quantität. Das Produkt ist wichtig. Anderen Sprüher ist es nur wichtig, ihren Namen in der Stadt groß zu machen und denen ist es auch egal, ob der Schriftzug schön ist oder nur ein Geschmiere. Manche holen sich ihren Kick durch die illegale Aktion und finden das besonders cool. Dort gilt als Faustregel: je schwieriger ein Objekt zu erreichen und zu besprühen ist, desto größer die Anerkennung (der Fame) für den Writer.



Buchstaben auf einer großen Fläche zu gestalten ist schwierig. Jeder einzelne Buchstabe muss ausgewogen sein und der Stil muss durchgängig eingehalten werden, was typografisches Verständnis erfordert. Es dürfen sich keine Stilbrüche einschleichen. Jedes Land hat seinen eigenen Buchstabenstil, sogar die Städte haben durch ihre Einflüsse unterschiedlich Stile entwickelt. Früher konnte man noch exakter den Stil bestimmen und wusste so, in welcher Stadt jemand seine Wurzeln hatte. Mit der Zeit haben sich die Stile vermischt. Jeroo malt alle seine Werke freihändig, ohne Schablonen. Schablonen sind verpönt und werden nur von denen benutzt, die ihr Handwerk nicht beherrschen. Am Anfang einer Graffitikarriere muss man alle zwei Minuten Abstand von seiner Arbeit nehmen, um zu sehen ob die Proportionen noch stimmen. Es dauert Jahre und verfordert viel Übung, ein großflächiges ausgewogenes Graffiti zu erstellen.

In Jeroos künstlerischem Schaffen hat sich in der letzten Zeit eine Wandlung vollzogen. Die Aktivität findet nicht nur an großen Flächen im Außenbereich statt, Chris greift immer mehr zur Leinwand. Die gegenständlichen Motive, welche auf der Leinwand dominieren, sind aus den Hintergründen der Schriftzüge entstanden. Die Formsprache und die Symbolik erinnern mit ihren Elementen stark an den Jugendstil. Gemalt wird mit einer Mischtechnik aus Sprühlack, Plaka-Lack und Lackstiften.

Text: Beate Nash
Fotos: Beate Nash und Archiv Jeroo
www.jerooart.com, jerooone@googlemail.com

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