Lehm, der Stoff zum Bauen



Wie ein Tischler im Umgang mit dem Werkstoff Holz im Laufe des Berufslebens Erfahrungen sammelt, so hat Martin Rauch für sein Material ein Gespür bekommen, weiß, wie es sich unter bestimmten Bedingungen verhält und reagiert. Schon während seines Studiums der Fachrichtung Keramik an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien hat er sich für das irdene Material begeistert. Vom Umgang mit fein modellierbarem Ton war es für den Keramikkünstler dann nur ein kleiner Schritt zum grobkörnigeren Werkstoff Lehm. Mit ersten kleineren Projekten, wie einzelnen Lehmwänden, verfestigte sich Rauchs Vertrauen in den Baustoff Lehm.



Und so entstanden im Laufe der Jahre vielbeachtete Referenzobjekte in ganz Europa. So wie beim Wiederaufbau der Kapelle der Versöhnung in Berlin im Jahr 2000. In diesem Projekt formte Martin Rauch mit sieben Meter hohen Lehmstampfwänden das tragende Oval der Kapelle und leistete somit Pionierarbeit für den Lehmbau. Oder das Etoscha-Haus im Zoologischen Garten Basel, wo in einer Kombination aus Betonkonstruktionen und 70 cm starken Lehmwänden eine ästhetisch ansprechende und ökologisch stimmige Präsentation realisiert wurde.



Um seiner Tätigkeit eine unternehmerische Basis zu schaffen, gründete Rauch im Jahr 1999 seine Firma Lehm Ton Erde Baukunst in Schlins, in der heute acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Arbeit fi nden. Erfahrungs- und Wissensaustausch führten zu handwerklichen Kooperationen mit Firmen aus der Nachbarschaft im Lehm- und Ofenbau. So entstand auch der „Lehmo“, ein Speicherofen aus Lehm gestampft und mit moderner Ofentechnik versehen.



Bauen mit dem archaischen Baustoff Lehm und die Ästhetik moderner Architektur ergeben für Martin Rauch keinen Widerspruch, sondern sind Elemente, die sich harmonisch zusammenfügen lassen.



Für sein Wohnhaus zog er den Zürcher Architekten Roger Boltshauser zur gemeinsamen Planung, und damit verbunden, intensiven Diskussionen zu Rate. In seiner Eigenschaft als Planer, Bauherr und Unternehmer habe er die Chance gehabt, hier etwas schaffen zu können, ohne Kompromisse an Bautechnik und Gestaltung eingehen zu müssen. Mehr Risiko war hier mehr Gewinn an Erfahrung.



Bauen mit Lehm hat den Vorteil, dass kein Baumaterial von weither angefahren werden muss. Der Lehm stammt genau aus dem Bodenaushub, der dem späteren Haus Platz schafft. Grob gesiebt und mit Pressluftstampfern am Boden oder in Schalungen verdichtet, entsteht das Wohnhaus Schicht um Schicht.



Keine Bindemittel, keine Klebstoffe, nur purer Lehm. Auch die Holzrahmen der Fenster sind nur mit Lehm abgedichtet. „Kalkulierte Erosion“ nennt Martin Rauch es, wenn die Lehmfassade ungeschützt der Witterung ausgesetzt ist. „Horizontale Mörtelleisten verhindern eine zu starke Erosion und binden sogar einen Teil des ausgewaschenen Lehms.“ Dieses Verfahren habe er aus Studien des Materials heraus entwickelt.



Auch im Innern des Wohnhauses dominiert der Lehm. Teils unverputzt, wie im ovalen Treppenturm, der 10 m hoch über die komplette Höhe des Hauses reicht, oder beim mit Wachs versiegelten Fussboden. Besonders hier erinnert die Struktur des Materials an groben Beton, wie er heute auch in Gebäuden eingesetzt wird, um eine besondere Wirkung zu erzielen. Einen ganz neuen Weg beschritt Martin Rauch beim Verputzen der Innenräume. Hier kam eine Lehm-Kasein-Spachtelmasse zum Einsatz.



Der Lehm werde durch das Milcheiweiß stabilisiert und nach dem Trocknen sehr hart, erläutert er die Wirkung des seit Jahrtausenden bewährten Klebemittels Kasein. Mit diesem Spachtel wurden im neuen Wohnhaus sogar die Holzoberflächen der Schränke behandelt.



Eine reine Familienproduktion sind auch die dekorativen Fliesen im Haus. Ehefrau Marta Rauch, die ihr Wissen um die Keramik ebenfalls an der Wiener Hochschule erworben hat, produzierte sie nach den Entwürfen von Sohn Sebastian in der eigenen Werkstatt. Stück für Stück in perfekter Handarbeit.



Auf komfortable Wärme braucht im Lehmhaus mit rund 140 qm Wohnfläche auf drei Etagen niemand zu verzichten. Die Heizelemente sind unsichtbar in den Wänden verborgen. Warmwasser liefern die Solarkollektoren auf dem Dach und im Winter zusätzlich ein im Küchenherd integrierter Lehm-Kachelofen. Und wenn das noch nicht genügt, schaltet sich automatisch eine Pelletsheizung ein.



Mit seinem Musterhaus oberhalb von Schlins möchte der Künstler und Unternehmer auf die hohe Qualität des Baustoffs Lehm aufmerksam machen. „Jetzt ist genau die richtige Zeit für den Lehmbau“, erachtet es Rauch für sinnvoll, wieder mehr in manuelle Arbeitskraft zu investieren. Und genau die steckt im Lehmbau drin. Sowie ein angemessenes Maß an Zeit, heute ein Luxusgut.

Text/ Fotos: Peter Allgaier
Lehm Ton Erde, Martin Rauch
www.lehmtonerde.at
Architekt Roger Boltshauser
www.boltshauser.info

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