Alles im Fluss



Der Medienkünstler Boris Petrovsky erschließt sich von Konstanz aus die überregionale Kunstszene.

Die elementare Substanz in der Umsetzung seines komplexen Schaffens ist Strom. Elektrischer Strom. Gedankenstrom. Und der große „Mahlstrom“. „Entree“ hat den Konstanzer Medienkünstler Boris Petrovsky besucht und mit ihm über jüngste Projekte, seinen Preis und seine Kunst gesprochen.



Im Gegensatz zu anderen Künstlern seiner Zunft, die von urbanen Ballungsräumen wie München, Köln oder Berlin aus agieren, erschließt der gebürtige Konstanzer Boris Petrovsky (*1967) sich die überregionale Kunstszene von der Peripherie aus; seine jüngsten Stationen heißen Frankfurt, Linz und Karlsruhe. Eine grundsätzliche Unterscheidung mag er jedoch nicht gelten lassen: „Peripherie und Zentrum sind heute keine inhaltlich entscheidenden Fragen mehr, sie gehören mehr zum Bereich des Marketings“, relativiert Boris Petrovsky, der 1996 sein Studium „Freie Kunst und Produktdesign“ an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg bei Professor Henning Christiansen absolvierte.



Obwohl es interessanter ist, „in gedanklich offeneren Umgebungen und Umfeldern zu leben, wie sie in Zentren eher zu fi nden sind“, überwiegen für Petrovsky im Moment allerdings noch die peripheren Vorteile. Das sind die im Vergleich zu Großstädten kurzen und schnellen Wege. Und das ist dabei „sehr hilfreich“, stellt der Künstler fest, „wenn neue, aufwendige Arbeiten in nächster Nähe zum Lebensumfeld initiiert werden können. Denn trotz intensiver Planungen und realitätsnaher Simulationen entsteht ein Teil der Arbeit dialogisch-prozesshaft zwischen Material, Raum und Kontext.“



Die örtliche Situation defi niert die äußeren Rahmenbedingungen des eigenen Schaffens. Dessen inhaltliche Wertschätzung dagegen ist einer höheren Sinnstiftung geschuldet. „Künstlerisch zu arbeiten“, führt Boris Petrovsky aus, „heißt für mich, im Grunde grobe Hindernisse, sagen wir, metaphorisch gesprochen, Steine, in den großen Strom der Zeichen, Begriffe, Vorstellungen und Dinge zu werfen, damit aufzustauen, aus der Tiefe heraus das Bodensediment aufzuwirbeln, einen Mahlstrom künstlich zu initiieren und zum Rotieren zu bringen, den Strom umzuleiten, abzuzweigen, Land darunter zu gewinnen, zu überschwemmen, um Brachliegendes zum Leben zu erwecken, langsam fließende Seitenarme neu anzulegen, zu sehen, wie und wo der Strom dann und vielleicht wieder auf andere Weise zusammenläuft und den Strom der Gedanken dabei zu beobachten.“



Jener berühmte „Mahlstrom“ geht übrigens auf eine Sage zurück. Danach stellte die Mühle, von der aus er seinen Anfang nahm, eine Art Wunschmaschine dar und die durch ein Unglück, entfesselt durch menschliche Gier, das Wasser in den Meeren versalzte. – Auf die materielle Ebene übertragen, ist es der elektrische Strom, der Petrovskys, vor dem Hintergrund einer „Interactive Art“, binär generierte Installationen zum „Fließen“ bringt und sie als Möglichkeit zum Leben erweckt. Ein weiteres gleich bleibendes Merkmal an ihnen ist, dass Petrovsky den Installationen praktisch und theoretisch ausdrücklich eine maschinelle Existenz zuweist. Die im Kontext einer immensen Logistik akribisch ausgetüftelten systemisch-digitalen Aggregate stellen buchstäblich „Machines“ dar, es sind „Kommunikationsmaschinen“, genauer: „Cyberpunk-Kommunikationsmaschinen“ – so wie die interaktiv-performative Medien-Lichtinstallation „The Nixie Mixie Matrix“ (im Kunstverein Familie Montez, während der „Luminale“ in Frankfurt am Main, 2010) oder „You&Me-isms/part l“.



Gerade letztere Arbeit haben die Besucher des Kunstraums Kreuzlingen und des Kulturzentrums Konstanz noch in lebendiger Erinnerung. 2009 vollzog sich hier für „You&Me-isms. Was weiß ich!“ im Rahmen des Jahres der Wissenschaft eine Art Generalprobe, die „Außenstelle“ Konstanz war mit der „Zentrale“ Kreuzlingen über eine Webcam verbunden und synchron geschaltet, bevor es im März 2010 nach Karlsruhe ins dortige ZKM ging, dem „Zentrum für Kunst und Medien“ als weltweit erstes und einziges Museum für Interaktive Kunst.



Auch bei „You&Me-isms“ handelt es sich im Grunde um eine interaktiv-performative Medien-Lichtinstallation. Als Medium dient eine Leuchtzeichenmatrix aus insgesamt 440 Neonzeichen, deren Licht intervallartig jeweils nur kurz aufleuchtet. „Interaktiv“ sowie „performativ“ verhält sich die Installation einmal aufgrund der Eigeninitiative des Besuchers; dieser nimmt aktiv am maschinellen Geschehen teil, indem er bestimmte Handlungseinladungen per Twitter, SMS oder Eingabeterminal aufgreift und in seinem Sinne absichtsvoll oder zufällig artikuliert. Zum andern infolge einer den systemischen Bedingungen innewohnenden Eigendynamik. Die „Unvorhersehbarkeit“ der so hervorgerufenen Ereignisse ist übrigens ebenfalls ein wichtiges Thema in Petrovskys prozessualer Arbeit. Dazu hat er den ursprünglichen Werkgedanken des Kunstwerks zum partizipativ-rezeptiven Prozess erweitert. Und so erwächst genau der eigenverantwortlich agierende Besucher, der die Kommunikationsmaschine als monologische wie dialogische Plattform gleichermaßen nutzt, in seinem installativinteraktivem Konzept zur „conditio sine qua non“, dessen allerhöchsten Grundvoraussetzung also – ohne die nämlich geht gar nichts!



In der Kategorie „interactive arts“ wurde Boris Petrovsky beim diesjährigen Prix Ars Electronica in Linz für seine multimediale Plattform You&Me-isms“ mit einer „Honorary Mention“ ausgezeichnet. Mit dieser Anerkennung ist der Künstler sehr zufrieden – der Film „Avatar“ zum Beispiel erhielt in seiner Kategorie ebenfalls eine „Honorary Mention“. „Viele Web-Besuche“, führt Petrovsky an, „werden durch den Prix Ars Electronica generiert und das ist wiederum, was `Anerkennung ´ als Bestandteil künstlerischpartizipativer Prozesse bedeutet“ – Kunst nicht als Werk, sondern als Vermittlungsprozess.“ Und via Internet sei seine Installation ja bereits in New York, Rio und Tokio angekommen, freut er sich.



Und seine neuesten Projekte? Ab etwa März 2011 wird es mit „Part ll“ eine Fortsetzung von „You&Me-isms“ im ZKM in Karlsruhe geben. Außerdem ist für das nächste zweite Halbjahr eine neue große Arbeit in der Schweiz geplant, näheres soll noch nicht verraten werden.

Text: Joachim Schwitzler
Fotos: Dominik Frangenheim, Nina Martens, ONUK, Boris Petrovsky, Joachim Schwitzler
www.petrovsky.de

[Zurück zur Übersicht]