Maximale Ästhetik



Hafengebäude von Baumschlager Eberle in Fussach schafft unverwechselbare Identität

Seit seiner Fertigstellung zum Ende des Jahres 2008 ist das ins Wasser gebaute Hafengebäude eine Attraktion für fachlich interessierte Besucher. Selbst Architekten und vor allem Studierende dieser Fachrichtung holen sich hier Inspiration für ihre Arbeit. Was kann man in diesem Gebäude lernen und erfahren? Vor allem eines: diese unglaubliche Stimmung, den künstlerischen Umgang mit dem Baumaterial Beton und eine Akustik, wie sie so sonst nur in Kirchen erlebt werden kann. Für seine architektonische Poesie wurde das Objekt mit dem Vorarlberger Hypo-Bauherrenpreis 2010 ausgezeichnet.



Das Gebäude im Hafen von Maria Rohner trägt gemäß seiner geografi schen Lage auf dem Hafenareal den Namen „Nordwesthaus“. Für dieses Objekt mehr ein schlichter Arbeitstitel, denn eine wirkliche Würdigung seiner fantastischen Architektur und seiner unvergleichlichen Wirkung. Seine bei Tageslicht milchiggraue Fassade erzeugt spontane Neugier auf mehr. Denn hinter den streng geometrisch angeordneten Glasfronten schimmert etwas Unregelmäßiges, Unbekanntes durch, das auf Entdeckung wartet. Die Spannung wächst mit dem Einsetzen der Dämmerung. Wenn das Licht aus dem Inneren des 14 Meter hohen Kubusses allmählich die Oberhand gewinnt, verändert sich die Stimmung mit jeder Minute von schlicht, über beeindruckend bis hin zu dramatisch.



Unterstützung erhält diese Verwandlung durch farbiges Licht aus 125 LED-Strahlern, die in Boden und Decke eingelassen sind. Kühles Weißlicht erzeugt eine elegant-zurückhaltende Stimmung, fast schon wie Schweben. Kräftige Farben, Blau, Grün und Rot/Orange, versetzen mit ihrer Spiegelung auf dem Wasser das Gebäude in Bewegung. Das Lichtspektrum reicht sogar bis zum pulsierenden Discofl immern, was dem Objekt aber nicht so gut zu Gesicht steht. Diese perfekte Licht-Inszenierung wurde speziell für das Nordwesthaus von Zumtobel Lightning in Dornbirn entwickelt und mit 1.500 einzeln ansteuerbaren LEDs realisiert.



Als Geometrie von Klang und Raum umschreibt Architekt Willem Bruijn vom Büro Baumschlager Eberle aus Lochau die Idee, hier ein pures, nacktes Gebäude mit einer Spannung erzeugenden Form zu realisieren. Eigentlich eine im Wasser stehende Schachtel mit den Grundmaßen 7 x 14 Meter und einer Höhe von ebenfalls 14 Metern. Die sichtbare Höhe variiert je nach Wasserstand. Zur Gründung wurden 30 Meter lange Betonpfähle vom Schiff aus in den Boden gerammt, wie es sich für eine Hafenanlage gehört, darauf die Bodenplatte betoniert. Von Außenwänden kann man eigentlich nicht
sprechen. Die filigranen, zur Decke strebenden Verästelungen sind statisch gesehen
Stützen, die sich im oberen Bereich wieder verdichten und die Decke tragen.



Genutzt wird der 8,80 Meter hohe Saal im Sommer für eine Vielzahl von Veranstaltungen, wie Lesungen, Präsentationen und Firmenfeiern. Aber auch Fotografen hätten die Location gerne schon für ihre Fotoshootings genutzt, erläutert Hafen-Chefi n Maria Rohner. Das kann man leicht nachvollziehen. Sommernutzung vornehmlich deshalb, weil das Haus keine Heizung besitzt. „Ein Bau darf ja auch einmal nur Spaß machen“, meint Willem Bruijn sichtlich erfreut, bei diesem Projekt ohne Rücksicht auf die strengen Anforderungen der Energielevels gebaut haben zu dürfen.



Das Gebäude besitzt eine doppelte Hülle aus Isolierglas, doch allein die Außenhaut ist eine nähere Betrachtung wert. Der Eindruck eines milchigen Weiß aus der Entfernung weicht bei der Annäherung der überraschung, dass hier mitten im Sommer Eisblumen an den Scheiben gewachsen sind. Toll, aber eigentlich unmöglich. Das Geheimnis liegt in ICE-H (gesprochen ice-age). Wie dieser Effekt genau zustande kommt, das ist das Firmengeheimnis von Glas Marte in Bregenz. Beschrieben wird nur, dass es sich hierbei um eine jahrhundertealte Verfahrenstechnik handle, die wiederbelebt wurde. Und dass es eine reine Oberfl ächenbehandlung sei, bei der Glassplitter ausgelöst würden und so eine aufgebrochene Oberfl ächenstruktur entstehe. Was sich von Fachleuten so kompliziert beschreiben lässt, ist für den Laien mit seinem Wechselspiel aus glatten und rauen Glasflächen und den floralen Mustern einfach nur faszinierend.



Das Nordwesthaus markiert den vorläufigen Abschluss einer Serie von vier Bauvorhaben in Zusammenarbeit der Architekten von Baumschlager Eberle und Maria Rohner. Vor knapp 30 Jahren hatte ihr Vater begonnen auf dem Uferareal des Kieswerkes Rohner in Naturschutzgebiet Rheindelta, Bootsliegeplätze anzubieten. Als sich das Geschäft mit dem Rheinkies nicht mehr lohnte, waren Alternativen gesucht und die wurden im Ausbau des Hafens gefunden. Seit dem Jahr 2000 ist der Hafenbetrieb voll professionell und die Anlage bietet 185 Liegeplätze.



Das erste gemeinsam realisierte Bauprojekt war allerdings das Privathaus für die mittlerweile Architektur begeisterte Maria Rohner. Als Basis für das weitere Vorgehen auf dem Hafengelände zeigt sie stolz die jetzt auch schon eingerahmte Handskizze von Architekt Dietmar Eberle. Hier wurden in groben Strichen die Grundzüge des neuen Hafens markiert und auch die Gebäude schon so eingezeichnet, wie sie in späteren Bauabschnitten Stück für Stück realisiert wurden.



So wie das Bürogebäude aus dem Jahr 2000. Bereits dieses Objekt, scheinbar aus dem Gleichgewicht geraten, so Bruijn, machte bei Architekturliebhabern Furore. Im Betonmantel mit seiner maximal möglichen Auskragung steckt ein Holzwürfel für das Büro, der Rest ist nackter Beton. Die schlitzartigen Fenster wurden exakt an die Körpergröße von Maria Rohner angepasst. So hat sie von Ihrem Arbeitsplatz aus freie Sicht auf den Hafenkran und die Schranke der Zufahrt. Und durch das große Panoramafenster behält sie das Nordwesthaus fest im Blick. Exakt nach Plan positioniert sind auf dem Gelände ebenfalls die zwei Schiffscontainer für die Hafenmeisterei.



Durch das spektakuläre Nordwestgebäude habe der Hafen eine Identifikation erhalten, bestätigt Maria Rohner die Aufwertung des gesamten Areals durch das architektonische Meisterwerk. „Bisher waren wir der Hafen neben dem Kieswerk, heute sind wir der Hafen Rohner, den die Bootseigner wegen seines eigenständigen Charakters gezielt auswählen“, sieht sich die Hafenchefi n in ihrem Konzept bestätigt.

Text: Peter Allgaier
Fotos : Peter Allgaier, Christine Kees
www.baumschlager-eberle.com
www.hafen-rohner.at

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