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Vorarlberger Holzbaupreis 2011 für Wochenendhaus auf dem Pfänder-Gipfel

In wahrhaft exponierter Lage direkt unterhalb des Pfänder-Gipfels wurde ein architektonisch interessantes -Ferien- und Wochenendhaus errichtet, das nicht nur durch Farbe und Form besticht, sondern vor allem mit seinen inneren Werten begeistert.



Übersehen kann man es wohl kaum, wenn man als Wanderer (die Zufahrt per Fahrzeug ist nur für Anwohner gestattet) an den Gipfel des Pfänder kommt: in direkter Nachbarschaft zum rot-weißen Sendemast des ORF befindet sich als auffälliger schwarzer Kubus das Ferienhaus der Familie Girardi. Wieso gerade diese Lage? „Wir sind hier mit der Familie schon oft gewandert und kennen natürlich auch den Gipfel. Und irgendwann stand hier ein ‚Zu Verkaufen‘- Schild“, berichtet Bauherrin Christine Girardi, die die Woche über „unten“ in Bregenz wohnt. Und die Lage ist tatsächlich „top“: auf knapp 1050 Metern Höhe hat man von hier aus nach Westen einen Blick über den Bodensee, angefangen von der Insel Lindau, die dem Betrachter zu Füßen liegt, bei gutem Wetter bis zum Hafen Konstanz. Nach Osten erstreckt sich die hügelige Landschaft des Vorarlbergs und des Bregenzer Waldes.



Von dort stammen auch die Baumstämme, die im Haus verarbeitet wurden, denn die Bauherren-Familie ist auch Waldbesitzerin. 40 Stämme Weißtanne und 14 Stämme Ahorn wurden für die Wände und den Innenausbau verwendet. Doch bevor es soweit kam, musste zunächst das vorhandene eingeschossige Wochenendhaus des Vorbesitzers entfernt werden. Danach erfolgte die Planung für eine neue Bebauung auf dem ca. 500 m² großen Grundstück. Als Architekt wurde hierfür Philip Lutz (Bregenz) gewonnen, mit dem schon länger eine freundschaftliche Beziehung bestand. „Das Grundstück war wegen seiner schmalen, dreieckigen Form, die zudem durch zwei große alte, erhaltenswerte Bäume begrenzt war, alles andere als optimal. Denn bei jeder Planung ergab sich eine Art Spitze oder Ecke, die baulich nicht genutzt werden konnte“, erzählt er. Um die Fläche dennoch möglichst sinnvoll auszunutzen, wurde ein fünfeckiger Grundriss gewählt – mit dem Effekt, dass es innen so gut wie keinen rechten Winkel gibt. Die Grundidee war zudem, dass der Neubau mit dem Nachbargebäude, dem Gasthaus „Schwedenschanze“, eine Art Ensemble bilden sollte. Von daher stand recht schnell eine Verkleidung der Außenhaut mit schwarzen Holzschindeln fest – nach handwerklich traditioneller Methode hergestellt und durch regionale Fachbetriebe angebracht.



Auf dem Fundament wurden die Wände aus Holz-Fertigelementen erstellt, die nach außen wiederum mit Schindeln verkleidet sind. Dazwischen liegt eine Schicht aus OSB-Platten und die 26 – 28 cm starke Dämmung. „Für die Nutzung als Ferien- und Wochenendhaus bot sich die leichte Holzbauweise an, da hier relativ schnell aufgeheizt werden kann und keine langen Vorlaufzeiten erforderlich sind“, berichtet der Architekt. So wird die Heizung, wenn niemand im Haus ist, bei nur 16 Grad betrieben; bei Anwesenheit der Bewohner dann auf 22 Grad hochgefahren. Die Heiztechnik besteht aus einer strombetriebenen Luft-Wärmepumpe, die der Umgebungsluft Wärme entzieht, ergänzt durch einen Kamin mit 1 kW Heizleistung auf der Wohnebene. Die Heizungsrohre verlaufen in einem Quarzsandbett in den Zwischendecken, so dass keine störenden Radiatoren erforderlich sind.



Mit der durchdachten Planung ließ sich das Hanggrundstück so ausnutzen, dass sich letztendlich eine Wohnfläche von ca. 110 m² ergab – verteilt auf insgesamt sechs Ebenen. Diese sind versetzt angeordnet, nur durch wenige Treppenstufen miteinander verbunden und durch großzügige Glasflächen (Dreifach-Isolier-verglasung) belichtet. So ergeben sich permanent neue Blickachsen mit teilweisem Durchblick durch das gesamte Gebäude. Das seitlich abfallende Dach liegt auf nur zwei Pfetten (Stahl-T-Träger), die wie die anderen Stahlbauteile im Haus (Ka-minumrandung, Treppenhandläufe und -geländer) mattschwarz verzundert sind und so einen reizvollen Kontrast zu den sie umgebenden Holzflächen bilden. Denn innen dominiert eindeutig Holz. An den Wänden wurde dazu Weißtanne-Täfer verwendet, auf den Böden und auch für die Möbel der strapazierfähigere Ahorn. Es versteht sich von selbst, dass Innenausbauten wie die Küche von der Bauherrin, gelernte Tischlermeisterin, selbst ausgeführt wurden. Diese hatte während der Bauphase auch die Bauleitung inne und war täglich „oben“, konnte so das Wachsen des Hauses hautnah mit verfolgen.



Manche Dinge wurden im Verlauf dieser Bauzeit noch angepasst und geändert. So war ursprünglich auf einer Ebene eine Loggia vorgesehen. Bei der Beobachtung der Wetter- und Witterungsverhältnisse auf dem Berg stellte man jedoch schnell fest, dass dieses wenig sinnvoll war – der Einschnitt in das Gebäude hätte zu einem zusätzlichem Schnee- und Feuchtigkeitseintrag geführt. Er war für die Belichtung- und Beleuchtung des Hauses auch nicht notwendig. Stattdessen wurden auf zwei Ebenen große verglaste Schiebefenster installiert, die bei Gebrauch komplett in der Wandverkleidung verschwinden und so keinen zusätzlichen Platz beanspruchen oder Stellfläche wegnehmen. Details wie Fenster über Eck gewährleisten zudem einen nahezu freien Blick in alle Himmelsrichtungen. Der Zugang zum Haus erfolgt über eine etwa fünf Meter lange Stahlbrücke, da die Geländeform mit dem Einschnitt darunter nicht verändert werden durfte. Der Eingang wird durch den darüber liegenden Ostbalkon geschützt. Ein kleines Detail mit großer Wirkung, bewahrt es Besucher und eingehende Sendungen (Briefkasten) doch vor Witterungseinflüssen.



Die überwiegende Verwendung von einheimischem Holz sowie die Beauftragung regional ansässiger Handwerks- und Baubetriebe war eine der Voraussetzungen zur Einreichung des Bauobjektes zum Vorarlberger Holzbaupreis.



Wovon sich die zuständige Preiskommission zunächst theoretisch (anhand der eingereichten Unterlagen) als auch durch eine Besichtigung vor Ort jeweils persönlich überzeugen konnte. Bei diesem Objekt war die architektonisch interessante, hochwertige und kreative Verarbeitung einheimischen Holzes derart offensichtlich, dass es den Hauptpreis in der Kategorie „Einfamilienhaus“ für 2011 erhielt.

Text: Jürgen Hildebrandt
Fotos: Wolfgang Scheide
www.philiplutz.at

Weitere Projekte des Architekten sehen Sie in den ENTREE-Ausgaben 4./2007 und 7./2010.

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