Richtungsänderung



Kleiner Beginn, große Wirkung – das Kunstlabel Mickry 3 aus Zürich

Mickry 3, das ist Kunstschaffen der etwas anderen Art, von drei jungen Frauen, am Stadtrand von Zürich – keck, frech, modern, grotesk, subversiv und zweideutig eindeutig.



Kennen und schätzen gelernt haben sich Dominique Vigne (*1981), Nina von Meiss (*1978) und Christina Pfander (*1980) auf der F+F, der Schule für Kunst und Mediendesign in Zürich. Seitdem bespielen sie alle Ausstellungen, für die sie eingeladen werden, gemeinsam, als Kollektiv. Solistenauftritte unter ihnen gibt es nicht. Ihre Haltung ist damit gegenläufig zum üblichen Kunstbetrieb, der auf die Autorenschaft einzelner Personen setzt.



Eine besondere Tür, durch die sie ihre Botschaft in die Welt tragen, brauchen die jungen Künstlerinnen nicht. Ihre Objekte sind ihre Tür. Diese weisen oft mehr menschliche Bezüge auf, als vielen lieb sein könnte. Wenn sie eine ausdrückliche Botschaft für ihr Publikum haben, dann diese: Schaut genau(er) hin – gebt acht auf Euch – nehmt wahr, was Eure Umgebung mit Euch macht.



Die Objekte von Mickry 3 hinterfragen nicht. Das müssen die Betrachter leisten. Nur Ansehen und „Aha“ sagen, genügt nicht. So entrinnt niemand dem Kreislauf. Nicht dem allgemeinen und nicht seinem besonderen, individuellen Weg. So holt sich jemand höchstens die Bestätigung für das, was er vielleicht schon ahnt oder weiß. Was die Umgebung mit einem macht. Was sie mit der Familie macht. Mit den Freunden und Bekannten. Mit den anderen. Und mit einem selbst. Um vom Weg abzukommen, bedarf es einer Richtungsänderung. Eines Hinweises. Den liefert Mickry 3. Die Rückkoppelung, der Umkehrschluss dagegen vollzieht sich im Betrachter. Einen bedeutenden Hinweis geben Mickry 3 mit ihrer ersten großen Arbeit 2001 im Kunstraum Walcheturm, dem „M3 Supermarkt“: darin vollenden und denunzieren sie „Werbeversprechen und Funktionsweisen des Marktes“ (Katalog Mickry 3).



Seinen Regeln folgend entwickelten und verpackten sie in rund drei Jahren, noch während ihres Studiums an der F+F, unzählige selbst hergestellte Supermarktprodukte mit einem eigenen umfangreichen Katalog. Neben einer Playline mit Robotern und Barbies, neben Zooartikeln und Discofood führte der Katalog auch eine Drogerie- und Elektroabteilung, sogar Organe und Gefühle ließen sich bestellen. Besondere Beachtung fand dabei der „Susishop“, ein ausdrücklich extrovertierter Sexshop von Frauen für Frauen und Männer mit detaillierten Bedürfnissen.



In Ihrer Gesamtheit verfolgten die zu künstlerischen Objekten transformierten Supermarktprodukte zwei Initiativen. Mit Preisen unter zehn Schweizer Franken pro Stück wurde Kunst plötzlich auch für den kleinen, unbedarften Geldbeutel erschwinglich, die erreichte Klientel umfangreicher und vielschichtiger. Zugleich rochierte der Ansatz von Mickry 3 kommerzielles Nutzendenken und konventionelle Erwartungshaltungen an Kunstwerke sowie den Kunstbetrieb. Die Resonanz war umwerfend. Zürcher Szenegänger, Hausbesetzer, Reingeschmeckte und Kunstliebhaber waren gleichermaßen begeistert. Kunsthäuser in Deutschland, Italien und Österreich luden Mickry 3 mit ihrem Supermarkt ein.



Über ihren Supermarkt sagen sie: „Wir wollten nie mit dem Finger draufzeigen. Es war spannend, was die Leute für Ideen hatten, was wir für Ideen hatten.“ Sein Konzept brachte ihnen einerseits den Durchbruch. Andererseits wurden sie in den ersten Jahren danach in der Rezeption ästhetisch genau auf dieses Werk reduziert – zum eigenen Verdruss. Die Frauen entwarfen, zeichneten, sägten, hämmerten, malten und lackierten fleißig weiter und entwickelten das Werk von Mickry 3 kontinuierlich fort. Die „Mickrymorphosen“, ihre neue Reihe, die erstmals 2004 in Basel zu sehen waren, veranschaulicht deutlich die Verwandlung von Massenprodukten in eigene Kreationen.



Die aus Pappmaché manufakturierten Objekte sehen aus wie dreidimensionale und zugleich flächige Bilder, formal ist ihre Wirkung der von Laubsägearbeiten ähnlich. Ihre auch durch Comics inspirierte Formensprache gibt eine naive Inszenierung mit harmlosen Aussagen vor. Jedoch „sind auch diese Werke ein böser Kommentar zu einer materiell verseuchten Welt.“ Zu viele Produkte, zu viel Vorgegebenes, dagegen gering sind die „Möglichkeiten für Eigenes, Reflektionen, Poesie, Phantasie oder soziale Verantwortung.“ (Katalog).



Die Künstlerinnen gewinnen 2005 das Zürcher Atelier in der Cité des Arts in Paris. In seinen Museen studieren sie die Alten Meister und Klassiker. Von Werken wichtiger Künstler wie Caravaggio, Rubens und Vermeer übernehmen sie Motive und Bildkonzepte und transformieren diese im eigenen Werk. Mit „Golden Cut“ entsteht eine Serie von Reliefbildern mit unterschiedlichen Wirkungsweisen und versteckten Details. In ihrer frontalen Betrachtung rufen sie einen Trompe l`Oeil-Effekt hervor, im Vorübergehen wechseln die Gesichtspunkte des Bildes, Täler und Hügel entstehen, ein fluoreszierender Farbauftrag lässt im spärlichen Restlicht zusätzliche Binnenräume und Details aufscheinen. 2006 erstmals auf der Young Art Fair während der Kunstmesse in Basel zu sehen, vermitteln diese Reliefbilder einen zugleich modernen Kontext. Als eine süffisante Persiflage auf die überhöhte Darstellung von Helden- und Heiligenbildern, die in damaligen Vorlagen ihren Ausgang nimmt, wendet sich „Golden Cut“ geradewegs an die Mechanismen zeitgenössischer Heldenverehrung.

Als sich die Künstlerinnen noch während des Studiums zum Kollektiv formierten, gab es in Zürich um das Jahr 2000 einige „exzessive kulturelle Besetzungen von leeren Häusern“ durch den Künstler und Kurator Mark Divo. Für das Trio war er wie ein Mentor und Mickry 3 war ein Teil der Zürcher Subkultur (nach Heike Munder und Thomas Haemmerli im Katalog). Heute ist Mickry 3 längst ein anerkanntes Kunstlabel mit internationalem Renommee. Auch in verwendeten Materialen und Auflagen zeichneten sich ein paar Veränderungen ab. Pappmaché wich Styroform, einem leicht schnitzbaren Werkstoff, dessen löchrige Oberfläche mit Polyurethan versiegelt wird, um darauf Glanzlacke aufzutragen. Zu den Massenprodukten des Anfangs gesellen sich seit ein paar Jahren wertvolle Unikate, die Lebensgröße oder mehr erreichen.



Ihren Namen verdanken Mickry 3 übrigens winzig kleinen Comic-Büchleins. In Eigenproduktion durch das Trio herausgegeben, waren diese für den Vertrieb durch den nahegelegenen Comicladen „Pipifax“ bestimmt. Da fiel ihnen ein, dass sie noch gar keinen Namen hatten. Sie schauten die Büchlein an und fanden: „Huere mickrig!“. Man sieht: kleiner Beginn – große Wirkung. Und das mittlerweile seit einem Dutzend Jahren.

Text: Joachim Schwitzler
Fotos: Joachim Schwitzler; Gion Pfander
www.mickry3.com

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