Alles im Fluss



Haus am Untersee präsentiert sich in gewagter Form dynamisch an der Hangkante

Ein expressiver Massivbau in Sichtbetonbauweise, eingerahmt von zwei alten Villen? Was sich exotisch anhört, fügt sich vor Ort unaufgeregt in eine lockere Parklandschaft ein. Dernatürliche Fluss den Hang hinunter setzt sich im Haus fort, bis im gedrehten Obergeschoss die Ruhezone erreicht ist.



Was macht man aus einem Grundstück an einer markanten Hangkante mit Nordblick auf den Untersee? Auf diese Frage sollten zwei Architekturbüros mit einem Entwurf antworten. Nur wenige, aber fixe Vorgaben machten die Bauherren: wie sie die Räume nutzen wollen und dass das Haus höchstens zwei Etagen haben soll. Die Architekten Christoph Biehler und Ralf Heinz Weith lieferten ein Modell mit drei Etagen. Ihr überraschendes Konzept entsprach so gar nicht den Erwartungen, und siegte dennoch. „Die Idee der Architekten hat einfach gepasst, wir waren begeistert und haben uns sofort darin gesehen“, so die Besitzer des Einfamilienhauses mit rund 250 Quadratmetern Wohnfläche.



Entstanden ist ein expressiver Massivbau aus Sichtbeton, der sich einerseits in den Hang einfügt, sich andererseits weit über ihn hinaus erhebt. Unübersehbares Element der Konstruktion ist das Schlafgeschoss oben, erbaut als eine zum darunter liegenden Wohngeschoss gedrehte Röhre. Von überall im Haus aus sind spektakuläre Aussichten möglich. Großzügige Fensterflächen nach Norden unterstützen das genauso wie die verglasten Schiebetüren oder waagrechte, asymmetrische Fenster. Nach Süden öffnet sich der Hang mit Blick zum Schweizer Seerücken hin, im Westen schaut man die Hangkante entlang, der See ist rechts im Blickfeld. Und nach allen Seiten bietet das Gebäude nutzbare Freiflächen, sodass die Familie in den warmen Jahreszeiten immer passende Wohlfühlecken in frischer Luft vorfindet, zu jeder Tageszeit.



Die Drehung zwischen dem Wohn- und dem Schlafgeschoss verleiht dem Haus ausgesprochene Dynamik. Sie wird außen verstärkt durch die schräge, den rechten Winkel durchbrechende Linienführung, und ist innen als natürlicher Fluss spürbar, der den Besucher durch die Räume gleiten lässt. Biehler und Weith haben nicht zum ersten Mal einen solchen Entwurf umgesetzt, der die „Bewegung im Raum“ darstellt. Ausgangspunkt auf diesem Grundstück war der Gedanke: „Wir sind an der Kante, man muss darüber schauen können“. Von da bis zum einzugsfertigen Gebäude stehen zwei Jahre intensives Erarbeiten, Auseinandersetzen und Zusammenarbeiten von Architekten und Bauherren.



Anfangs waren die Eigentümer unsicher, ob ihnen die expressive Bauform dauerhaft gefallen würde. Und einige Entwurfsänderungen gehen auf ihr Konto: Der ursprünglich unten im Hanggeschoss vorgesehene Hauswirtschaftsraum wurde in die Wohnetage versetzt – Bügeln mit Seeblick ist hier möglich, so macht es sogar Spaß. Und der ursprüngliche Wunsch ist erfüllt, einen Großteil der Zeit zuhause auf nur zwei Etagen zu verbringen. Zur Südseite hin entstand eine Freifläche mit Sonnenterrasse, an die eine gepflegte Grünfläche in Hanglage anschließt.



Im Außenbereich knüpfte der Zürcher Landschaftsarchitekt Andreas Geser an das Vorgefundene an: ein völlig verwilderter Obstgarten mit Parkbäumen. Sie wurden teils erhalten, und ergeben nun mit weiteren, bereits vorhandenen alten Bäumen am Berg, neu gepflanzten Magnolien, Ahornbäumen, Eiben und einem Geweihbaum schon jetzt das Flair einer kleinen Parklandschaft. Grund genug für die Hausherren, auf eine Mauer als Sichtschutz zu verzichten, auch wenn dadurch ein Stück Privatsphäre geopfert wird. Dafür bleibt der Blick hangaufwärts offen, und beide Südterrassen haben vollen Bezug zur Parklandschaft am Berg.



So geht der Park fließend in das Grundstück über. Weil das Haus nach allen Seiten offen und transparent ist, erleben Bewohner wie Besucher einen Wohnraum mit fließenden Grenzen zwischen innen und außen. Der Fluss-Charakter findet seine Fortführung im steilen Abfall Richtung See. Andreas Geser wählte hier eine Bepflanzung, die an den früheren verwunschenen Garten erinnert und nahtlos ins Natürliche übergeht. Zwei mit Kies aufgefüllte Hohlwege führen nach unten, umrahmt von einer niedrigen Mauer aus widerstandsfähigem Trassbeton.



Fels und Erdreich werden in einigen Jahren zwar kaum noch zu sehen sein. Doch könnte man sagen, „das Haus ist jetzt der Fels“. Sandsteinfarben hebt sich der Betonbau aus der Landschaft. Von unten besonders augenfällig ist das weit nach außen, förmlich in den Himmel ragende Attikageschoss. Es lastet auf zwei Betonaußenwänden und übt Zug nach unten aus. Die äußere Betonschale ist daher 25 bis 40 Zentimeter stark, danach folgt eine 18 Zentimeter dicke Kerndämmung. Im Obergeschoss schließt wegen geringeren Gewichts eine Trockenbaukonstruktion an. Im Wohngeschoss wurde Mauerwerk verbaut, das im Winter Wärme und im Sommer Kühle gut speichert, und für den Feuchtigkeitsausgleich sorgt. Im durch den Hang geschützten Untergeschoss vervollständigen Betonwände die Dämmung.



Diese Bauweise mit massivem Beton und dreifach verglasten Fenstern sorgt zu allen Jahreszeiten für angenehme klimatische Innenraumverhältnisse. Geheizt wird umweltfreundlich über eine geothermische Anlage. Die Wärmepumpe mit rund 13 Kilowatt Leistung holt sich die Wärme aus zwei Erdwärmesonden, für die jeweils 105 Meter tief ins Erdreich gebohrt wurde. Eine Solarthermie-Anlage ergänzt die Wärmegewinnung. Bei Bedarf wird die Wärme über eine Fußbodenheizung in den Wohnraum geleitet.



Herauszufinden, welchen Boden das Haus haben soll, war laut Bauherren „ein echter Prozess“. Was die Architekten im Kopf hatten, trauten sie sich kaum vorzuschlagen: einen Betonboden im Betonhaus. Doch nachdem sich Naturstein als problematisch erwies – wegen des nicht rechtwinkligen Grundrisses entstehen trapezartige Fugen – und nachdem Parkettboden nicht zur Materialität des Hangs passte, schlugen die Hausbesitzer schließlich selbst genau das vor: einen einfachen Unterlagenboden. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Wer denkt, es sei eine Betonwüste entstanden, liegt gänzlich falsch. Dafür sorgt nicht zuletzt auch der handwerklich anspruchsvolle, glatte und ungestrichene Kalkputz im Wohn- und Schlafgeschoss.



Die großen Fenster fallen jedem sofort ins Auge, der das Haus betritt. Nachdem die Schwelle am Eingang überschritten ist, wendet sich der Besucher automatisch dem Wohnbereich entgegen. Der ist als öffentlicher Bereich gedacht, geeignet zur Kommunikation im Alltag, und sowohl offen zur Küche hin als auch zur Freifläche mit Frühstücksterrasse.



Der natürliche Fluss führt weiter ins Gebäude hin zur Lounge, einem offenen Raum, in dem sich Musik genießen lässt, aber einfach auch nur der See als Kulisse reicht. Durch die Öffnungen zur Seeterrasse sowie zum Patio – er ist gleichzeitig Lichthof und natürlicher Schattenspender – zerfließen speziell hier die Grenzen von innen und außen. Ein offener breiter Kamin erhöht den Gemütlichkeitsfaktor in der Lounge.



Nach vorn führt der Weg über eine höchst kunstfertig erbaute Wendeltreppe hinunter zum Hanggeschoss. In Gegenrichtung folgt der Aufstieg, auf halber Höhe unterbrochen von einer Zwischenebene. Sie korrespondiert als Kante innerhalb des Hauses mit der Kante des Hangs, und war eigentlich als Leseecke geplant. Dass sie der Nachwuchs nun zur Spielecke umfunktionierte, finden die Eltern perfekt – das Kind hat hier seinen eigenen Raum, ist aber nicht vom Wohnbereich ausgeschlossen. Dem Kinderzimmer und den im Flur integrierten Schränken folgt der tagsüber offene Ankleidebereich, der sich durch eine große Flügeltür schließen lässt. Dass man sich nun inmitten der Attikaröhre befindet, ist nur am genialen Ausblick in Richtung Insel Reichenau zu merken. Überhaupt: So expressiv und skulpturenhaft das Gebäude von außen wirken mag, so harmonisch fühlt es sich innerhalb der vier Wände an. Innen herrscht klare Arbeitsteilung: Unten und nach unten wirkt die Dynamik, doch oben angelangt überwiegen Klarheit und Ruhe. Unten ist der öffentliche Raum, oben der private. Das Mobiliar im Ankleidebereich verleiht ihm geschmackvolle Formen und lässt ihn und geräumig wirken. Als Material wurde einheimische Kastanie gewählt. Der Übergang zu Bad und Schlafzimmer lässt sich mit unauffällig verstaubaren Schiebetüren schließen. Im Schlafzimmer ist eine enorme Weite und Offenheit zu verspüren, wozu die exponierte Lage weit über dem Hang hinaus maßgeblich beiträgt.



Das direkt angrenzende Bad ist mit mosaikartigen Feinsteinzeugfliesen ausgekleidet, die auch in den anderen Nasszellen verlegt sind. Außerdem wurden überall exakt gleiche Boards, Armaturen und Beleuchtungen in schlichtem Stil verwendet. Trotzdem wirken die Bäder alles andere als langweilig: Unterschiedlichen Fliesenfarben (von Anthrazit bis Lava), deren wechselnde Farbnuancierungen sowie eine abwechslungsreiche Oberflächenstruktur lassen die Bäder lebhaft, aber nicht unruhig erscheinen.



Neben dem Wohnbereich in die offene Küche angeordnet. Sie wird durch ein riesiges Möbelstück, einem Augenfänger in hellem Kastanienholz, optisch abgetrennt. Von der Küche verläuft ein enger Abgang hinunter in den Kellerbereich. Die Verengung und der Goldfarbton sollen das Gefühl für den Gang in die Erde verkörpern. Nach zwei Jahren im Haus am Untersee ist die Familie einerseits noch dabei sich einzuleben. Andererseits haben sich schon viele mit dem Bau verbundene Wünsche erfüllt. Das Konzept der „Bewegung im Raum“ bewährt sich in der Wohnpraxis. Und das Leben an der Hangkante fühlt sich für die Hausherren an, als könnten sie weitere zwanzig Jahre hier verbringen – oder noch viel mehr.

Text/Fotos: Wolfgang Scheide
www.biehler-weith.de

Ein weiteres Projekt der Architekten sehen Sie in ENTREE 6./2009.

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