Von Päpsten, Kunst und Kurtisanen



Peter Lenk: Marie Ellenrieder kopierte Raphael-Bild von Imperia

Der Künstler in der Ewigen Stadt auf den Spuren seiner Hafenschönen: Für Imperia, die sich seit 1993 auf dem Fundament des ehemaligen Leuchtturms im Hafen als neues Konstanzer Wahrzeichen vor der Kulisse der Altstadt dreht, ist dem Bildhauer kein Weg zu weit. In Rom machte Peter Lenk mit Hilfe eines Kirchenhistorikers nicht nur die letzte Ruhestätte der schönen Kurtisane ausfindig. Er studierte im Vatikan auch das Portrait von Imperia, das Raphael (1483 bis 1520) gemalt hat.



Unlängst brachte Peter Lenk in Erfahrung, dass die schöne Imperia dem 
berühmten Raffael mindestens noch einmal Modell stand, und zwar für die „Sünderin“ auf seinem Spätwerk „Transfiguration“ („Verklärung Christi“). Das Bild ist, wie Lenk inzwischen weiter erfuhr, von der Malerin Marie Ellenrieder (1791 bis 1863) während eines Studienaufenthalts in Rom kopiert worden, und zwar im Auftrag von Ignaz Heinrich von Wessenberg (1774 bis 1860), dem letzten Konstanzer Bistumsverweser. Diese Kopie sollte sich im Fundus des Rosgartenmuseums befinden.



Abgesehen von der reizvollen Imperia, die fein lächelnd auf den See und auf Konstanz blickt, sehen die Typen, die Peter Lenk in die Welt setzt, manchmal ganz schön hässlich aus. Fast immer reizen sie zum Lachen, doch nur selten wirken sie so gefährlich wie das frisch geschlüpfte, sprungbereite Echsen-Wesen im Figurenensemble, das der in Bodman lebende Bildhauer vor zwei Jahren für die Obere Vorstadt in Albstadt-Ebingen 
geschaffen hat.



Die Kreatur lauert mit zackenbewehrter Rückenpartie, steht scheinbar kurz vor dem Sprung und feixt triumphierend hinaus auf den Platz – mit einem Gesicht, das stark an Stefan Mappus erinnert, der das Land Baden-Württemberg immerhin ein Jahr, drei Monate und zwei Tage regieren durfte, bevor er am 12. Mai 2011 vor Bündnisgrünen und Sozialdemokraten das Weite suchen musste.



Es ist nicht bekannt, ob sich der ehemalige Ministerpräsident, der auch CDU-Parteichef war, über die Ähnlichkeit mit dem Echsen-Wesen ärgert. Doch seither wird, zumindest in Albstadt-Ebingen, häufiger über ihn gelacht. Doch wo gelacht wird, herrscht oft genug auch helle Empörung. Schließlich nimmt Peter Lenk neben Prototypen wie Cabrio-Chauffeusen, Voyeuren, Badenden oder Wohlstandssatten gerne Prominenzen aller Art aufs Korn: Banker und Politiker, Adelige und Superreiche, Generäle, Industrielle und hohe Kleriker. Sein Star aber ist und bleibt Imperia.



Zu den Vorarbeiten für ein bildnerisches Projekt gehört bei Lenk eine gründliche Recherche. Der Künstler kennt sein „Opfer“ sehr gut, wenn er sich daran macht, es aus Ton und Steinguss neu zu erschaffen. Das Wissen um Umstände, Charakter, Gemüt, Werdegang und Tragödie des Objekts fließt ein in den Schaffensprozess, und manchmal muss Lenk aufpassen, dass es ihn nicht überwältigt. Das erklärt ein Stück weit die Lebendigkeit des Ausdrucks in den Arbeiten Peter Lenks. Hinzu kommt, was der Bildhauer mit seinen Typen so alles erlebt.



Die Beschäftigung mit Imperia hat dem Künstler unter anderem die Ewige Stadt nähergebracht. Mitgeholfen hat dabei Monsignore Enrico Pfeiffer, Professor für Kirchengeschichte an der Päpstlichen Universität Gregoriana, der so genannten Jesuitenuniversität. Pfeiffer konnte Lenk für seine Suche nach dem Grab der Imperia zunächst den Tipp geben, sich auf alle Fälle nach Kirchen zu erkundigen, die einem der Päpste namens Gregor gewidmet sind.


Da es sechs solche Kirchen gibt, empfahl der Kirchengeschichtler, „auf dem Celio“, einem der sieben Hügel Roms, nachzuforschen. Dort stieß der Bildhauer aus Bodman auf die Basilika Santi Andrea e Gregorio il Magno. Doch auf dem kleinen Friedhof im Atrium vor der Kirche fand sich die gesuchte Grabstelle nicht. Die Rettung nahte in Gestalt von Giuseppina, einer Kunststudentin aus Florenz.


Sie machte darauf aufmerksam, dass an die Kirche ein kleines Kloster angebaut ist. Und dort wusste man in der Tat Bescheid. Pater Roberto, ein Mönch vom Orden der Kamaldulenser, saß gerade an einer wissenschaftlichen Arbeit über die Geschichte des Gotteshauses und konnte aus seinen Unterlagen entnehmen, dass Imperia in der Tat an diesem Ort begraben worden ist. Dokumentiert ist ferner, dass das Grab vor 185 Jahren ausgeräumt wurde, um den sterblichen Überresten eines jungen Geistlichen Platz zu machen. „Die Knöchelchen“ von Imperia seien „im Garten an der Nordseite der Kirche sorgsam verstreut“ worden.


Damit, so schien es bereits vor Jahren, war auch das letzte Geheimnis um Imperia gelüftet. Umso größer war die Überraschung, als sich im Sommer 2013 herausstellte, dass es nicht nur in den Repräsentationszimmern, den stanze des Vatikans, ein Gemälde gibt, auf dem Raphael die schöne Imperia verewigt hat, und zwar als die antike griechische Dichterin Sappho. Der Konstanzer Literatur- und Musikwissenschaftler Helmut Weidhase hatte Lenk darauf aufmerksam gemacht, dass Imperia ohne Zweifel auch für die Sünderin auf Raffaels „Transfiguration“ Modell gestanden hatte. Dieses Gemälde, ursprünglich ein Altarbild, gehört zu den Sammlungen des Vatikans.


Zu guter Letzt sei auch noch einmal verraten, was mittlerweile viele schon wissen: dass Imperia nie in Konstanz war, sondern von Honoré Balzac, aus Gründen verordneter Diskretion, in Konstanzer nur literarisch angesiedelt wird, wenn er in seinen „Tolldreisten Geschichten“ über das Techtelmechtel zwischen einem Kardinal und der schönen Frau aus Rom erzählt, das sich während des Konzils (1414 bis 1418) in Konstanz abspielt. Raphael hat Imperia in Rom kenngelernt, gegen Ende des 15. Jahrhunderts und vermutlich im Palast der Familie Aldobrandini, der heute als Palazzo Chigi Sitz des italienischen Ministerpräsidenten ist. Auch der verliebte Kardinal dürfte in Rom zu Hause gewesen sein …


Text: Erich Gropper 

Fotos: Peter Allgaier, Monika Weber, 
Verlag Stadler
www.peter-lenk.de

ENTREE-Gastautor Erich Gropper hat als Tageszeitungs-Redakteur das Werk des Künstlers viele Jahre lang begleitet. Und er war bei Peters Lenks Suche nach dem Grab der Imperia in Rom mit dabei.







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