Mit „Übergängen“ auf der Suche nach der geeigneten Form



Maria Jansa in Fraxern, Vorarlberg: Wenn Ideen und Entwürfe in Projekte münden

Gleich zu Beginn sagt sie etwas sehr Schönes und Wichtiges: „Die fragende Haltung in reiner Gegenwart, die uns Kinder in ihrem Spiel wunderbar zeigen, schenkt Zwischenräume, in denen Wesentliches passieren kann. Passive und aktive Grundstimmungen wechseln sich subtil ab.“ Damit umschreibt sie einen herbeigesehnten Idealzustand als Grundlage für jene Übergänge, von denen ein künstlerischer Prozess lebt.



Auch ihr Prozess lebt davon. Denn nach der Ausstellung ist vor der Ausstellung. Mit einem schnellen Wurf, einem Konzept gar aus der Hüfte geschossen, ist es auf keinen Fall getan. Jedenfalls nicht für Maria Jansa. Die Ernsthaftigkeit und Konsequenz, mit der sie nach der geeigneten Form für ihre Ideen und Projekte sucht, beeindrucken. Das Innehalten während der Arbeit an ihren Projekten ist daher für sie ein elementarer Bestandteil ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit Thema und Idee, mit Ausdruck und Form. Dabei geht es um ein absichtsloses Räsonnement ohne feste Bindung an Aufträge und nächste Vorhaben. Seine Funktion ist das Sich-Herausnehmen-aus-der-Zeit.



Äußerlich scheinbar ein Stillstand entpuppt es sich im Innern jedoch, hinter dem ruhenden Antlitz, als ein höchst produktiver Schmelztiegel für Gedankenimpulse, die sich allmählich zu Entwürfen verdichten. Nach Joseph Beuys muss es die Forderung des künstlerisch tätigen Menschen an sich selbst sein, sich „aktiv in eine passive Sondersituation der Leere“ zu versetzen – eine enorme Willensanstrengung sei notwendig, passiv in die Welt zu schauen.



Durch ihre keramische Ausbildung und konforme Tätigkeiten mit fundierter Sachkenntnis und durch ihre zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland mit umfangreicher Erfahrung ausgestattet, weiß Maria Jansa nur zu gut um die Kämpfe, das Ringen, die Erfolge, aber auch die Misserfolge in der künstlerischen Arbeit. Wahrhaftigkeit buchstabiert nicht das Alphabet des Mainstreams; Wahrhaftigkeit ist eine Frage der inneren Haltung und der gesuchten Selbstfindung.



Hinsichtlich der für ihren künstlerischen Prozess so wichtigen „Übergänge“ führt Maria Jansa weiter aus: „Würde ich nur in der Idee und dem daraus resultierenden Konzept verhaftet bleiben, bekäme die Gestaltung wohl einen sterilen, toten Ausdruck. Würde ich hingegen mit der sinnlichen Wahrnehmung am Werkstoff und seiner Bearbeitung festhalten, so könnte ein banales Ergebnis entstehen. Wenn ich aber zwischen diesen extremen Polen pendle, alt vertrautes Terrain verlasse und den Spagat über dem ‚Nichts’ aushalte, kann – nach meiner Erfahrung – ein neues Werk entstehen.“



1949 geboren, Studium und Diplom in Linz an der Kunstuniversität für „Keramik und plastische Konzeptionen“, lebt und arbeitet sie seit 1980 in Fraxern, ganz oben am Berg, wo sie auch ihr Atelier eingerichtet hat. „Mein Hauptding ist schon Erde und Feuer“, sagt sie. In ihrem Werk spannt sie den Bogen von keramischen Gefäßen und Objekten, Formstudien, Arbeiten mit ausdrücklich einbezogenen Texten bis hin zu Raum greifenden Installationen, die zum Teil aus Keramik und zum Teil aus Text bestehen. Für ihre multimediale Installation „metamorph“ (2014) im Öltank des Kunstraums Otten in Hohenems, Vorarlberg, bezog sie erstmals Klang und Bewegung in ihre Arbeit mit ein. „Die Integration von Klang und Bewegung“, sagt Jansa, „ist eine neue und interessante Erfahrung, die sich weiter entwickeln lässt, je nach Raum und Örtlichkeit.“



33 gebogene Formen, sogenannte Trigone, aus weißem Westerwälder Ton, mit einem Gesamtgewicht von 500 kg, die als Ausgang sämtlich das gleichschenklige Dreieck haben, arrangierte sie im alten Öltank innerhalb von drei Tagen zu Ensembles. Der tatsächliche Zeitaufwand war natürlich viel größer. Die Vorbereitungszeit dauerte insgesamt knapp ein Jahr, der höchst arbeitsintensive Teil davon rund sechs Monate. Ein Beamer projizierte das mit leichter Hand gewebte, zarte Schattenspiel kleinerer Trigone aus gebogenem Karton auf einen Teil der Tankwand; Jansa hatte die Trigone zuvor als Mobile arrangiert und ihren sanften Tanz mit Video aufgezeichnet. Für die Klangkomposition selbst hatte sie den zeitgenössischen Komponisten Gerald Futscher beauftragt.



Erstmals münden so Form, Bewegung und Klang als jeweils eigenständiges Element in ein Werk Jansas; sie durchdringen sich wechselseitig, bilden dadurch Synergien und erweitern somit die Gesamtperspektive. Als Teil einer viel beachteten Gruppenausstellung „Acht ohne Gegenstand“ im Kunstraum Otten in Hohenems, schreibt über Maria Jansas „metamorph“ die Kommunikationswissenschaftlerin und Kunsthistorikerin Claudia Voit im Katalog: ihre Installation erzählt „den Ursprung der abstrakten Kunst als Ableitungsprozess, als Metamorphose. Dabei erklärt sich das Verhältnis vom Objekt zu dessen Verwandlung in sich bewegende Flächen und schließlich Töne und Klänge weniger über das Prinzip der Ähnlichkeit als über physikalische Abhängigkeiten. Jansas künstlerischer Prozess ist mit einer schrittweisen Abstraktion verbunden, mit einer zunehmenden Loslösung vom Gegenstand über dessen Radikalisierung bis hin zu seiner Auflösung.“



Hauptsächlich arbeitet Maria Jansa mit Erde, nämlich mit Ton, den sie am liebsten in Raku-Technik brennt. „Dieses geräucherte Schwarz, das farbig leuchtet und sich auf poliertem Scherben wie Samt anfühlt, das hat es mir besonders angetan,“ bekennt sie. „Der Rakubrand ist immer wieder eine alchemistische Erfahrung (...). Individuelles Streben und das Spiel der elementaren Kräfte wirken zusammen.“ Der Brennverlauf lässt sich nicht steuern, jede dem Feuer entnommene Form ist ein Unikat. Mit Paul Valéry lässt sich jenes wechselseitige Zusammenspiel der Kräfte treffend wiedergeben: „Die Feuerkünste erzwingen unter höchst dramatischem Aspekt den Kampf des Menschen mit der Form. Ihre wesentliche Wirkkraft, das Feuer, ist auch der größte Feind.“



In einem Aufsatz für die Kunstzeitschrift NIKE Spezial charakterisieren die Autoren Cordula Köck und James Langbecker die Werke von Maria Jansa als Kontrast: „Konkav-konvex, auch Rundungen gegen Kanten oder Schwarz gegen schillernde Farbigkeit. Fließende, aber auch markante Übergänge verbinden an sich strenge Polaritäten in der Form, im Material, in der Textur.“ Für Jansas Vorgehen sind elementare Grundformen wie Würfel, Kugel und Tetraeder in stimmigen Proportionen, abgeleitet vom Goldenen Schnitt, immer wieder Ausgangspunkt. Für die Formfindung wichtigen Fragenstellungen heißen nach ihr dann etwa: „Wann ist ein Würfel gut? Wann ist eine Spannung da?“ Ausdrücklich betont sie, wie notwendig ein geschärftes Qualitätsbewusstsein für die Form ist.



Text: Joachim Schwitzler 

Fotos: Joachim Schwitzler; Georg Alfare; Maria Jansa
www.mariajansa.at

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