Harte Schale, feiner Kern



Ein ungewöhnliches Doppelhaus glänzt mit Einfachheit und konsequenter Umsetzung

Mit dem Sichtbetonbau bei Feldkirch ist dem Architekten Andreas Xander eine überzeugende Hangbebauung geglückt. Bei diesem markanten Haus sticht die massive Form hervor, wobei der Bau von außen kleiner wirkt, als er ist. Innen entfaltet sich ein überraschend weites Raumgefühl.



„Kompromiss ist ein übles Wort“, lautet ein Leitsatz des Architekten. Wer sein Haus am Schellenberg gesehen hat, weiß, was er meint. Ohne Kompromisse geplant und erbaut steht an der österreichischen Grenze zu Liechtenstein ein markanter Bau aus Sichtbeton, der im Steilhang eingebettet ist und für sich selbst spricht. „Trotz interner Aufteilung in zwei Einheiten zeigt sich der Baukörper als einheitliches und gesamthaft gestaltetes Volumen, das sich maßstäblich in die umgebende Bebauung einfügt“, befand auch der zuständige Fachbeirat der Stadt Feldkirch.



Das 2012 fertiggestellte Haus empfinden die hier lebenden Wohnparteien höchst positiv: die Familie des Architekten und die seines Bruders Michael Xander. Das einst stark bewachsene Grundstück wurde von den Brüdern vor Langem erworben.
Als Jahre später die Planung begann, war von Anfang an klar: man wollte komplett getrennt wohnen. Die Idee mündete in zwei grundverschiedenen Einheiten, die, obwohl sich die Räume teils überlagern, gegenseitig kaum einsehbar sind. Die Schlaf- und Wohnbereiche sind versetzt und auf anderen Ebenen angesiedelt. „Man hat nie das Gefühl, in einem Doppelhaus zu wohnen“, schwärmen beide Familien.



Dass die Trennung der Einheiten so gut gelungen ist, liegt zu einem großen Teil an der „Über-Eck-Anordnung“ der Terrassen. So ist auch bei gleichzeitiger Nutzung keine Einsehbarkeit gegeben und eine optimale Besonnung für beide gewährleistet.
Die Terrassen der beiden Wohnein- heiten sind jeweils als Einschnitt im monolithischen Baukörper erkennbar.



Der 25 cm starke Beton kommt mit Innendämmung und Verkleidung auf 50 cm Wandstärke. Das schützt optimal vor Schallübertragungen zwischen den Wohneinheiten und vermeidet Wärmebrücken am Übergang zu den Stützmauern im Hof. Die Entscheidung für Stahlbeton innen wie außen war nicht „Sichtbeton einzusetzen um jeden Preis“, erläutert der Architekt. Sie reifte vielmehr aus den Anforderungen an die Konstruktion, „die gegen Hangwasser abdichtet und das Gelände stützt. Einzig die thermisch getrennte Aufhängung der Decken war ein kleiner Mehraufwand.“



„Unser Bau erzeugt teilweise auch Kopfschütteln, was mich keineswegs stört. Es zeigt zumindest, dass die Leute sich damit auseinandersetzen“, meint Andreas Xander, der Grundstücke mit schwieriger Topographie als besonders reizvoll empfindet. „Selbst Besucher, auf die das Haus von außen nicht sehr einladend wirkte, haben später ihre Meinung begeistert revidiert“.



Das Grundstück hat Xander ausgereizt: Auf rund 500 m2 Bauland wurde auf vier Geschosse verteilt eine Nutzfläche von über 300 m2 kreiert. Das war nur möglich, weil die beiden unteren Geschosse unter dem Ursprungsniveau liegen. Raum und Licht erhalten sie durch den großen Hof, der die Zufahrt gewährt. Erst hier ist die wahre Höhe des Baus zu erkennen. Und nur hier öffnet sich der Blick auf die voll verglaste Südostfassade, einer ausgeklügelten vorgehängten Konstruktion mit Sondergläsern der Mayer Glastechnik GmbH in Feldkirch: Die Dreifachverglasung, deren innere Scheiben als Absturzsicherung dienen, enthält im äußeren Glaszwischenraum eine Jalousie. Über deren Lamellen lässt sich der Lichteinfall stufenlos verstellen, der Sicht- und Sonnenschutz ist variabel. Damit eignet sich das System für eine so exponierte Lage wie hier – außenliegende Jalousien und Screens würden den Föhnstürmen im Rheintal kaum standhalten.



Der Ausblick durch die breite Fensterfront bringt eine Weite, die den Innenraum riesig wirken lässt. Das Gefühl verstärkt sich, weil beide Häuser fast ohne Schränke auskommen. Andreas Xander schuf auf unkonventionelle Art enorm viel Stauraum: Der ganze Raum unter Treppen wird genutzt und die Brüstungen und manche Zwischenwände sind verbreitert, sodass Platz für Schubladen und andere Verstau-Optionen entstand. In der Materialwahl unterscheiden sich die Einheiten drastisch: Den Innenraum im „Haus A“ prägen weiße Decken und Wände; als Boden dient weiß geölte Eiche. Bei „Haus B“ zeigen die Decken den puren Sichtbeton, während Weißtanne Wände und Böden verkleidet; das Massiv- holz aus der Region ist unbehandelt (nur gehobelt, nicht geschliffen).



In Haus A erschließt sich nach dem Treppenaufgang im 1. Obergeschoss ein offener Bereich. Hier kann man Bücher lesen, die Fitness trainieren oder Kinder spielen lassen. Kinderzimmer, Büro und Bad grenzen etwas abgesenkt an. Das 2. Obergeschoss teilt sich in einen Koch- und Essbereich sowie den Wohnzimmerbereich auf. Die von hier zugängliche Terrasse wurde rund einen Meter abgesetzt – genial, weil so der Ausblick immer frei bleibt. Gartenmöbel und Brüstung stören nicht. Dazu Michael Xander: „Ich war nicht gleich überzeugt davon, aber wenn ich heute im Wohnzimmer sitze und über die Terrasse hinweg den Ausblick genieße, dann bin ich es!“ Vom Wohnzimmer aus führt eine unauffällig gestaltete Treppe in das oberste Geschoss. Unauffällig deshalb, damit Besucher den Schlafzimmerbereich außen vor lassen.



Das 3. Obergeschoss in der Nachbareinheit wird anders genutzt: zum Kochen, Essen und Wohnen. Auffällig sind zwei Elemente: die extrem lange Küchenarbeitsplatte und der Betonofen. Beide Stücke wurden als Fertigteile in Beton erstellt. Ganz oben befindet sich auch die südwestlich orientierte Terrasse, die einen überdachten Bereich als Schutz gegen Sonne und Regen bietet. Zu den unteren Geschossen geht es über das mit Weißtanne belegte großzügige Treppenhaus. Von hier erfolgt im 1. und 2. Obergeschoss der Zugang zu elterlichem Schlafbereich, Büro und Kinderzimmern. Jederzeit im ganzen Haus spürbar ist die gewollte Reduktion auf das Wesentliche: Die Decken bleiben bis auf Auslässe für im Beton versenkte Zumthor-Leuchten frei, nur wenige Steckdosen reichen, alles ist schlicht eingerichtet und das Haus kommt ohne einen einzigen freistehenden Schrank aus.



Den Zutritt zum Hang hin ermöglicht in beiden Häusern eine Tür im Zwischengeschoss. Die drei im Haus lebenden Kinder haben so Zugang zu ihrem eigenen „Hinterhof“ mit Wald und Wiese.

Einen Bezug dazu liefern auch die in der Nordfassade eingelassenen Schlitze zum Wald hin. Von außen unterstützen diese Öffnungen ein Stück weit den Eindruck von der Kompaktheit des Gebäudes. Ein Wort noch zur Haustechnik: Sie ist auf der Höhe der Zeit und resultiert in einem niedrigen Wärmeenergiebedarf von nur 18 kWh/m2 je Jahr, ohne dass ein Standard angestrebt war. Möglich macht das neben der guten Wärmedämmung modernste Technik: zentrale Wärmepumpe mit Fußbodenheizung, Wohnraumlüftung (mit Wärme- und Feuchterückgewinnung), Vorwärmen der Frischluft via Erdkollektor und solare Gewinne dank der südöstlichen Fensterfronten.

Die massive, klar strukturierte Außenhülle des Hauses Xander kombiniert mit einer angenehm reduzierten Innenausstattung hat ein echtes Exempel in den Hang gesetzt.



Text/Fotos: Wolfgang Scheide
www.xander.at

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