Ein Demiurg der Steinchen



Zu Besuch beim Mosaikbildner Bruno Rodi aus Konstanz

Mosaik ist die Kunst, mit kleinen Steinen Großes zu schaffen. Dabei meint Großes nicht zwangsläufig ein großes Format. Große Bilder können auch klein sein. Oft sind es bereits die kleinen Mosaiken, die mit ihrer schlichten Schönheit zu faszinieren vermögen.



Zum Wesen eines Mosaiks gehört seine Individualität, jene unverwechselbare Einzigartigkeit, die ihm eigen ist und mit der es auf seine Umgebung ausstrahlt. Ein Mosaik fordert Respekt ab: vor der Handarbeit, die dahinter steckt. Vor der unendlich langen Geduld, in der die unzähligen Steinchen, auch Tesserae genannt, gelegt werden. Und vor der Handfertigkeit und Kreativität zugleich, die sich darin offenbaren. Die Schöpfung eines Mosaiks durch Menschenhand ist unmittelbar und folgt nicht der Struktur einer maschinellen und damit mannigfachen Reproduzierbarkeit.



So ist jedes von Hand gelegte Mosaik im Grunde ein Unikat. Selbst wenn eine Vorlage durch die gleiche Hand mehrfach zur Anwendung käme, wäre dasselbe Mosaik von Exemplar zu Exemplar verschieden. Das verdankt sich der Wahl von Farbe und Material, dem Zuschnitt der Steine sowie nicht zuletzt dem händischen Verlegen selbst.



Einer, der sich seit mehr als 30 Jahren mit Mosaik intensiv auseinandersetzt und weiß, worüber er spricht, ist Bruno Rodi aus Konstanz. Zur Mosaikbildnerei kam er seinerzeit übrigens eher zufällig als beabsichtigt. In der Inaugenscheinnahme seiner Werke gestern und heute kann man allerdings getrost sagen: „Das musste so sein – das war gewollt!“ Wohl hatte damals ein kluger Kopf im Rad des Schicksals seine Hände im Spiel und entschied: „Mach mal. Werde, was du bist.“



Ein Besuch in Rodis Atelier im Neuwerk in Konstanz lohnt immer, auch wenn dafür manchmal nur kleine Zeitfenster verbleiben. Es bereitet ein großes Vergnügen, seine Mosaiken zu betrachten, egal, ob es sich um ältere oder ganz neue Arbeiten handelt. Jede hat ihren eigenen Reiz.



Dazwischen befinden sich in grauen geschlossenen Kartonschachteln, in transparenten runden Plastikschalen und blauen rechteckigen Kunststoffbehältern säuberlich einsortiert unzählige Mosaiksteine unterschiedlicher Art: Glassteine, Industriemosaik, Natursteine, Smalten; Letztere sind das klassische Mosaikmaterial und gehen auf die byzantinische Zeit zurück. Smalten werden aus eingefärbten Glaskuchen gewonnen und ausschließlich in Italien (Murano) von Hand hergestellt. Ihre Farbauswahl ist im Vergleich zum Industriemosaik sehr groß. Auch Glasstangen, Marmor- und Kalksteinquader, Kieselsteine und Muscheln, handliche Granit- und Schieferplatten, Bruchglas, Keramikbruch, Holzteilchen sowie andere Kleinutensilien gehören zur Legeware Rodis und sind in seinen aufgeräumten Regalen zu finden.



Nicht weniger vielfältig bestückt gibt sich der Fundus aus Werkzeugen, Trägermaterialien sowie Klebersorten. Hier sind das beispielsweise Mosaikleim, Zement- und Flexkleber, UV-Kleber, Hasenleim, Dispersionskleber, transparentes Silikon. So kann der Mosaikbildner für jede gestellte Aufgabe die dazugehörigen Produktionskomponenten optimal auswählen und einsetzen, sei es, dass es sich um ein Wand- und Bodenmosaik in einem Badezimmer oder ein Gartenmosaik im ungeschützten Außenbereich handelt, wo neben Farbechtheit, Wasserdichtheit, Kratz- und Trittfestigkeit auch das Kriterium der Witterungsbeständigkeit erfüllt sein muss. Weil Bruno Rodi neben seinen zahlreichen Auftragsarbeiten regelmäßig gern auch Workshops gibt – sie sind für ihn eine schöne Abwechslung zum einsamen Arbeiten im Atelier und ihm macht der Aspekt Freude, durch das angeleitete Arbeiten bei seinen Teilnehmern etwas anzustoßen –, hat er an Glasschneidern und den verschiedenen Funktionszangen (wie Brech-, Glasbeiß-, Fliesenschneid-, Mosaik- und Smaltenzange) gleich mehrere davon, auch Mosaikhammer und Spaltkeile stehen mehrfach zur Verfügung.



Ein Mosaik professionell herzustellen, erfordert nicht nur Handfertigkeit und Geschicklichkeit. Neben einem sorgfältigen Arbeiten verlangt es auch eine gute Planung und Organisation. Um zu den für die jeweilige Absicht besten Ergebnissen zu kommen, sind ein umfangreiches Wissen, fundierte Kenntnis und Erfahrung im Umgang mit dem Material und seinen Eigenschaften unabdingbar. Dieser Wissensschatz von den Kausalzusammenhängen zwischen Kleber, Untergrund, Material, Farbe und Zweck führt zu optimalen Ergebnissen aus der technischen Perspektive. Materialgerechtigkeit ist so ein elementares Kriterium des handwerklichen Vorgehens.



Aus der ästhetischen Perspektive bilden Kreativität, Intuition und das Wissen um die Schönheitsgesetze (Goldener Schnitt, Proportionen, Farbkontraste usw.) gemeinsam einen weiteren elementaren Faktor für ein Mosaik. Durch Kreativität und das Gefühl für Farben und Formen wird aus einem Mosaik ein kunstvolles Mosaik, aus einer Auftragsarbeit ein Kunstwerk. Die Kreativität gibt dem Mosaik die Seele – Ästhetik und Handwerk die Schönheit.



Das Atelier von Bruno Rodi, es ist eine multifunktionale Werkstatt, atmet buchstäblich die innige Verbindung von solidem Handwerk und ideenreicher Kreativität ein und aus. Das ist nicht nur sichtbar – es ist auch deutlich spürbar. Das ist, was den Aufenthalt in seinem Atelier in jedem Fall bereichert: Selbst wenn man mit leeren Händen wieder hinausgeht, man geht nicht wirklich leer von dannen.



Zum Abschied zu seinem schönsten Erlebnis im Umgang mit Mosaiken befragt, erzählt Bruno Rodi diese beiden Geschichten. „Ich hatte mehrere Jahre Mosaik für Auszubildende im Fliesenlegerbereich unterrichtet. Es waren in der Regel nicht unbedingt die zielstrebigsten und einfachsten Schüler. Aber bei jedem Lehrgang gab es einen Moment, wo der Funken übergesprungen war und jeder Lehrling versuchte, das Beste aus seiner Arbeit zu machen. Jeder arbeitete konzentriert und ruhig an seinem Werk. Und es waren dieselben Menschen, die noch eine Stunde vorher nichts als Chaos produzierten.“



Er zwinkert mit den Augen und hält kurz inne, dann fährt mit einem feinen Lächeln fort: „Ein weiteres schönes Erlebnis war ein Besuch im Markusdom in Venedig. Wir hatten uns an den wartenden Touristen vorbeigemogelt und waren durch den Hintereingang in den Dom gelangt, in dem gerade eine Messe stattfand. Der ganze Dom war vom Weihrauch geschwängert und ein Chor sang lateinische Choräle. Wir drückten uns an den Wänden entlang, ganz nah an unglaublich schöne Mosaikwerke aus anderen Zeiten. Es war wie eine Reise in die Vergangenheit.“



Text: Joachim Schwitzler 

Fotos: Joachim Schwitzler; Bruno Rodi
www.mosaik-handwerk.de

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