Patina in Grau



Über die Zeichnungen von Othmar Eder

Früher arbeiteten Zeichnungen vor allem der Malerei zu: Grau- und Buntstifte waren die Wasserträger für die im allgemeinen Ansehen höher angesiedelten Farben und Druckgrafiken. Haupteingänge von Galerien und Museen blieben daher lange der Malerei, Grafik und Bildhauerei vorbehalten. Zeichnungen und Skizzenblätter gelangten allenfalls über Nebeneingänge hinein – und dann immer nur als Anhang. Heute allerdings ist es längstens Fakt, dass auch das Medium der Stifte und Griffel die kuratorischen Haupteingänge nutzt: als eigenständiges künstlerisches Medium hat sich die Zeichnung durchgesetzt.




Othmar Eder aus dem thurgauischen Stettfurt ist einer der Ostschweizer Künstler, der der Zeichnung leidenschaftlich frönt, im Grunde seit Kindesbeinen an. Wer allerdings in seinen eigentümlichen Zeichnungen jenen scharfen Strich sucht, der im Allgemeinen mit diesem Medium assoziiert wird, macht das genauso vergeblich wie ein Reisender, der am Bahnsteig auf einen Zug wartet, der nicht kommt.



Statt dessen findet der Betrachter eine dichte Ansammlung fein abgestufter Grautöne vor, die einzeln oder im Verbund auftreten und seine Zeichnungen in die Nähe von Malerei rücken – im Wirkgewand einer unbunten Malerei, die vor allem Grauwerte mit wenig Schwarz umfasst und aus dem Spannungsverhältnis von hellen, fast weißen Flächen sowie dunklen grauen Feldern und Strukturen schöpft.



Ebenfalls können manche seiner Zeichnungen als fotografische Mutationen angesehen werden, denn auch dafür lassen sich einige ähnliche Erscheinungsmerkmale feststellen: Verwischung durch Langzeitbelichtung, gesteigerter Kontrastwertumfang durch Über- und Unterbelichtung, unscharfe Konturen durch Weichzeichnungsfilter. Ebenso spielt der fotografische Blick eine wichtige Rolle, der ausgeprägt vielen Zeichnungen Othmar Eders innewohnt. Jener meint das Sehen eines wesentlichen Bestimmten, dessen Herausstellen und die kompositorische Beschränkung auf weniges; Stichworte heißen hier Objektzentrierung und Raumverdichtung.



Schließlich die bestimmten Strukturen, die seine Zeichnungen durchziehen und beleben: Sowohl gleichförmige, sich wiederholende Muster als auch einzelne grafische und figürliche Elemente verleihen ihnen ein pseudofotografisches Charakteristikum. Aus größerer Entfernung betrachtet, „verschärfen“ sich die gezeichneten Werke zu vermeintlichen Fotografien in Schwarz-Weiß. Tatsächlich jedoch bleiben sie Zeichnungen.



In vielen Schaffensjahren hat sich Othmar Eder durch Feldversuche und seine individuelle Motivwahl ihm eigene zeichnerische Verfahren erarbeitet, allen voran die Kohlepapierübertragung auf Papier, wodurch sein Werk eine unverwechselbare, persönliche Handschrift erlangt hat. Unterstellte malerische und fotografische Wirkweisen kennzeichnen dabei lediglich Hilfsperspektiven einer sich orientierenden Betrachtung. In Wirklichkeit sind es Zeichnungen, die Zeichnungen bleiben durch und durch. Die Patina ist das Medium selbst, ausgedrückt durch ein Konglomerat zahlreicher feinstufiger Grauwerte und einiger markanter Weißflächen als Kontrast.



Schlüsselmotive in Eders Zeichenkosmos sind Berglandschaften, selektiv verdichtete Ansichten von Gebäuden, Gärten und Innenräumen, Spuren des Verfalls und der Verwitterung. Stark spielt in seine Zeichnungen der Faktor Zeit als Abhängigkeitsvariable der Dinge von Vergänglichkeit und Wandel hinein. Sein besonderer Blick hat jene gesichtet und gesichert und stellt ihren verwitterten Zustand einer möglicherweise melancholischen Betrachtung anheim.



Zugleich markiert das Zeitattribut Langsamkeit das Vorbereiten und Voranschreiten eines Werkprozesses. Ihre Methoden heißen Zuwartenkönnen und achtsames Annähern – beide sind Othmar Eder eigen. Eindrücklich bestätigt haben ihn darin auch seine großen Reisen nach Südamerika – indianische Geduld und Aushalten von Stille und Ruhe im Zeitverlauf sind für ihn Zeichen von Stärke.



Zur Motivfindung tragen neben alltäglichen Standortwechseln zwischen Eders Wohnhaus in Stettfurt und seinem Atelier, das eine halbe Fahrradstunde entfernt in St. Margarethen/Münchwilen liegt (ebenfalls im Thurgau), sowie Tages­ausflügen in benachbarte Kantone vor allem jüngste Reisen nach Lissabon bei. Ein dreimonatiger Studienaufenthalt 2014 in der portugiesischen Hauptstadt führte bald zu einer beachtlichen Werk­entwicklung. Zusätzlich zu den Kohlepapierübertragungen gelangen in seine neuen Arbeiten ab der Lissabonreihe vermehrt Collage- und Montagetechniken. Neu ist auch die Farbe Blau.



Othmar Eders Vorgehen gleicht dem Fragmentieren und Defragmentieren von Wirklichkeitsangeboten, seien es einzelne oder gleich mehrere Objekte, Perspektiven, Blickwinkel, mediale Entdeckungen und Fundstücke, wie sie etwa möglich sind in alten Büchern, auf Fotos, in Zeitungsartikeln. Aus diesem Grund schlendert Eder so gern über Flohmärkte. Die totale Ansicht wird augenblicklich eingedampft, gefiltert, reduziert auf das, was ihm gefällt, das ihn anspricht. Etwas, das ihn packt – oder irritiert. Nicht immer muss das ein U-Boot sein, wie vor Jahren in einem breiten Fluss bei Lissabon, als es plötzlich vor ihm aufgetaucht und ebenso schnell wieder verschwunden war.



Welche Kriterien seine Motivwahl begünstigen und ihre Bearbeitung bestimmen, ist allein rational nicht leicht erklärbar. Sehr wahrscheinlich spielt sich viel über den Bereich ab, der gemeinhin als Bauchgefühl bezeichnet wird. Intuition? Ganz bestimmt! Vielleicht ist auch Instinkt dabei: das unwillkürliche Gespür, am richtigen Ort diese eine wichtige Spur zu entdecken, ihre Witterung aufzunehmen und zu verfolgen.



Othmar Eders Werke, neben seinen Zeichnungen auch seine Fotografien und Filme, beabsichtigen keine Wirklichkeitsabbildung. Stattdessen werden mutmaßlich reale Elemente und Objekte einer sinnlich wahrnehmbaren Welt entnommen, vereinzelt, versatzstückelt und neu zusammengesetzt. So entstehen Variablen von Wirklichkeit, die sich wie Schichtungen überlagern, sie schieben sich über- und nebeneinander.



Nicht Bestätigungen, sondern Irritationen werden dadurch aufgerufen. Der Betrachter sucht und entdeckt, verwirft und entdeckt neu. Das, was zu sehen ist, entspricht nicht notwendig dem, das vorgestellt zu werden scheint. Und statt um Nachempfinden und Neuentwerfen von Wirklichkeit kann es sich in Eders Zeichnungen genauso gut um Traumsequenzen, Filmzitate und Bildbrüche handeln.

Text: Joachim Schwitzler
Fotos: Joachim Schwitzler (3); Günter Kresser (5); Caroline Minjolle (2); Stefan Rohner (2)
www.othmareder.ch

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