Schwarzer Kubus am steilen Hang



Imposante Aussicht ins Vorarlberger Rheintal inklusive

Vorarlberg und dabei besonders der Ort und die Umgebung der Landeshauptstadt Bregenz überraschen immer wieder mit architektonisch interessanten Bauten. Sehr oft nehmen diese Bezug zur sie umgebenden Landschaft, betten sich in diese ein oder ­ragen im Gegenteil aus ihr heraus.



So auch dieser Kubus an einem Hang des Pfänderstocks im oberhalb der Stadt gelegenen Vorort Fluh. Der geläufige Ausdruck „an den Hang gebaut“ trifft die bauliche Situation hier nicht ganz, denn dieses Objekt ist nicht nur buchstäblich „in den Hang hinein“ gestellt worden. Das Architekturbüro Dietrich|Untertrifaller, international tätig mit Büros in Wien, Paris, München, St. Gallen und eben Bregenz, realisierte hier auf 700 Metern über dem Meer einen schwarz gestrichenen, kristallin wirkenden Baukörper, der aus einem Südhang mit 45 Grad Neigung hinauskragt. Nach vorne hin, zur schmalen Anliegerstraße, ist er nahezu geschlossen, wirkt fast abweisend.



Auf dieser Zufahrtsseite liegt daher nur die Einfahrt zur Doppelgarage. Zur gegenüberliegenden Seite scheint das ­Gebäude aber wie frech den „Kopf“ herauszustrecken. Es thront fast über dem Hang und reckt den Blick weit ins Vorarlberger Rheintal und den Bregenzer Wald. Die ­Beschreibung der Architekten zur besonderen topografischen Situation liest sich so: „Was auf den ersten Blick wie eine frei geformte Bauskulptur erscheint, ist tatsächlich das Resultat einer ökonomischen Kalkulation, übersetzt in eine aus den Bedingungen des Ortes entwickelte Architekturform. Um dem extrem steilen Grundstück mit nur 450 qm bebaubarer Fläche eine größtmögliche Kubatur abzugewinnen, wurde ein Maximalkörper entworfen und dessen fallende Trauflinien um eine steigend auskragende Untersicht ergänzt.“



Die Lage des Grundstücks erwies sich noch in weiterer Hinsicht als problematisch: Zum einen besteht die geologische Formation hier vor Ort aus Nagelfluh (der Name des Ortes „Fluh“ sowie der gleichnamigen Zufahrtsstraße ist also nicht rein zufällig gewählt), ein nicht besonders tragfähiges Sedimentgestein auf Kalkbasis. Schon allein aus diesem Grund und nicht nur wegen der extremen Steilheit des Geländes musste der Hang durch Erdnägel und andere konstruktive Maßnahmen mehrfach gesichert und für den Bau des Hauses dauerhaft abgestützt werden.



Zum anderen ist die zum Bauplatz führende, reine Anliegerstraße eng und natürlich ebenfalls steil, was die Zufahrt großer und schwerer Baufahrzeuge wie Bagger, Transportbeton-Fahrmischer und anderer Gerätschaften erheblich erschwerte. So musste zum Beispiel der zum Bau benötigte Turmdrehkran oberhalb des Bauplatzes auf dem Parkplatz der benachbarten Gastwirtschaft platziert werden, um die Baustelle überhaupt mit den benötigten Materialien versorgen zu können.



Bauherrin Bettina Siess, die den Bau zusammen mit ihrem Lebenspartner in Auftrag gab, berichtet, dass das Grundstück, das durch die Teilung einer größeren Fläche frei geworden war, für ­Interessenten eben wegen der außergewöhnlichen Steilheit nicht besonders begehrt war, der Kaufpreis daher für die Region ­relativ niedrig lag.



„Dafür musste anschließend umso mehr in Hangsicherung und Baugrundvorbereitung investiert werden“, ­ergänzt die mit dem Projekt beauftragte Architektin Susanne Gaudl, die gemeinsam mit der Bauherrin im etwa 30 Mitarbeiter umfassenden Büro Dietrich|Untertrifaller in Bregenz arbeitet.



Umgesetzt wurde dann in einer Bauzeit von knapp einem Dreivierteljahr ein Einfamilienhaus mit etwa 160 qm Wohnfläche und einer (von nahezu allen Räumen) bombastischen Aussicht ins Tal. Planerisch und technisch erforderte die Erschließung und Einbeziehung der Hangneigung vier unterschiedliche Ebenen. Die beiden mittleren beherbergen die eigentlichen Wohn- und Schlafräume. Als oberstes Geschoss dient auf Straßen­niveau die Garage, ganz unten sind Technik-, Abstell- und Gartengeräteräume mit einer zusätzlichen überdachten Terrasse. Die Räume der beiden Wohnebenen sind entsprechend ihrer Privatheit angeordnet: Im oberen Geschoss, in dem sich auch der Hauseingang befindet, sind die zum Wohnbereich hin offene Küche sowie Essen und Wohnen angesiedelt. Im unteren liegen die intimeren ­Räume, also Arbeits-, Gäste-, Ankleide- und Schlafzimmer sowie die zugeordneten Sanitärräume.



Durch die ­materialmäßige Trennung des Baus, der zum Berg hin als massiver Stahlbetonkern ausgeführt wurde, zur Talseite hin als Holzbau, ergibt sich eine besondere Anordnung der Räume: Die Serviceräume wie Bad, WC und Gäste-WC sowie Gast-/Arbeitszimmer wurden dem Betonkern, die Aufenthaltszonen jedoch dem Holzbau zugeordnet. Diese Differenzierung lässt sich unter anderem an der jeweiligen Bekleidung der Innenflächen ablesen: Im einen Bereich dominieren Sichtbetonwände und Terrazzoboden, auf der Seite, die im konstruktiven Holzbau ausgeführt wurde, Massivholztäfelung und Holzriemenboden aus heimischer Weißtanne.



Dieses regionale Material aus dem Bregenzer Wald setzt sich in der Außenbeplankung und Verschalung, dort farblich beschichtet, fort. Die eigentlich unbehandelten Hölzer, die als Verschalung im Innern der Geschossterrassenbereiche eingesetzt wurden, sind zum Schutz vor vorzeitiger Vergrauung mit einer Art Sonnenschutzfarbe behandelt.



Der Gebäudekörper selbst ist, wie es zunächst den Anschein hat, kein exakt rechteckiger Kubus, sondern zu einer Seite hin „abgeknickt“. Das Bauwerk folgt damit der Grenzlinie zum Nachbargrundstück. Innen ist dieser Kniff nicht sicht- oder wahrnehmbar. Hier konzentrieren sich die Blicke der Besucher sowieso durch die bodentiefen Panoramafenster auf die umgebende Wald- und Berglandschaft, über der das Haus thront.

Text: Jürgen Hildebrandt
Fotos: Tom Scherber
www.dietrich.untertrifaller.com

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